Geldwert
Geldwert (auch Kaufkraft; englisch monetary value) ist in der Volkswirtschaftslehre das AustauschverhĂ€ltnis zwischen Geld und GĂŒtern oder Dienstleistungen.
Allgemeines
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Geld (Bargeld, Buchgeld) besitzt unter anderem eine Wertmessfunktion, die im Geldwert zum Ausdruck kommt. AuĂerdem dient es als Tauschobjekt fĂŒr den Kauf von GĂŒtern und Dienstleistungen. Die Menge an GĂŒtern oder Dienstleistungen, die fĂŒr eine Geldeinheit (beispielsweise 1 Euro) durch ein Wirtschaftssubjekt gekauft werden kann, nennt man Geldwert. Wie viel GĂŒter auf einem Markt fĂŒr eine Geldeinheit erworben werden können, hĂ€ngt von deren Marktpreis ab. Je höher die Preise sind, umso geringer ist die fĂŒr eine Geldeinheit erhĂ€ltliche GĂŒtermenge und umgekehrt. Damit ist der Geldwert die reziproke GröĂe zum Preisniveau :[1]
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Steigendes Preisniveau hat sinkenden Geldwert zur Folge und umgekehrt. Erhöht sich beispielsweise der Preisindex von 100 auf 110, so sinkt der Geldwert um 9,1 % auf 90,9 % seines Ausgangswertes. Da der Nenner konstant bleibt, entspricht die Geldwertentwicklung der Wachstumsrate des Preisniveaus, also der Inflationsrate. Die Entwicklung des Geldwerts wird in Deutschland mit dem Verbraucherpreisindex fĂŒr Deutschland gemessen, in Europa mit dem harmonisierten Verbraucherpreisindex.[2]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Xenophons Denkschrift Oikonomikos werden erstmals Ăberlegungen zum Geldwert dargelegt.[3] Im fiktiven Dialog zwischen Sokrates und Kritobulos wird dargelegt, dass der Preis von Edelmetallen verfĂ€llt, wenn das Angebot die Nachfrage ĂŒbersteigt. Ein Ăberschuss an der Förderung von Bronze fĂŒhrt, laut Xenophon, zu einer Entwertung selbiger. Das Geld der attischen Polis, geprĂ€gte SilbermĂŒnzen, hingegen sei von dieser Entwertung ausgenommen, da die "Gier" nach Geldmitteln immer das Angebot ĂŒbersteigen wĂŒrde. Martin Luther nahm 1524 an, dass Preissteigerungen und damit Verschlechterungen des Geldwerts auf zinswucherische HĂ€ndler zurĂŒckgefĂŒhrt werden könnten,[4] wĂ€hrend Nikolaus Kopernikus 1526 davon ausging, dass im Krieg erbeutete Edelmetalle zur Geldvermehrung und damit zur Geldwertverschlechterung beigetragen hĂ€tten. Der âhĂ€ufigste Grund, weswegen eine MĂŒnze an SchĂ€tzung verliert, ist, dass sie in zu groĂer Menge vorhanden istâ.[5] Kopernikus zufolge hing der Geldwert nicht vom aufgedruckten Nominalwert, sondern vom Metallwert ab.
Als erste Geldwerttheorie ist die 1568 von Jean Bodin geĂŒbte Kritik an Untersuchungen zu Frankreichs Teuerung zu verstehen.[6] Hierin analysierte er offenbar als einer der ersten das zuvor noch unbekannte PhĂ€nomen der Inflation durch eine zu starke Vermehrung der umlaufenden Zahlungsmittel. Es ging hier vor allem um die MĂŒnzen, die aus dem Gold und dem Silber Amerikas geprĂ€gt wurden. Seiner Auffassung nach ĂŒbersteige die Teuerung bei weitem das AusmaĂ der MĂŒnzverschlechterung. FĂŒr Bodin standen Geldmenge und Geldwert im umgekehrten VerhĂ€ltnis zueinander. Andere Faktoren wie etwa der Gebrauchswert, Produktionskosten oder der Geldbedarf blieben bei seiner Bestimmung des Geldwerts zunĂ€chst unberĂŒcksichtigt. Bernardo Davanzati kam 1588 zu dem relativierenden Ergebnis, dass nicht die Geldmenge an sich, sondern die Entwicklung ihres VerhĂ€ltnisses zur GĂŒtermenge fĂŒr die Geldwertentwicklung maĂgeblich sei.[7] Aber schon William Petty versuchte 1662 den Geldwert aus den Produktionskosten der Edelmetalle zu erklĂ€ren.[8] John Locke sah 1691 als erster die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (englisch quickness of its circulation) als weiteren Faktor des Geldwerts an.[9]
Insbesondere David Ricardo hob 1809 die Bedeutung der Produktionskosten fĂŒr den Geldwert hervor. Er wies darauf hin, dass die Entdeckung neuer Goldminen zu einer gröĂeren Geldmenge und damit zu sinkendem Geldwert fĂŒhre.[10] Hierin erkannte er auĂer der Geldmenge auch die Umlaufgeschwindigkeit und die Substitution der Barzahlung unter Kaufleuten durch Wechsel an.[11] Ricardo gelangte zur Auffassung, dass eine Ănderung im Geldwert keine VerĂ€nderung der Profitrate hervorbringe. Karl Marx trat dem in einem Brief vom 22. April 1868 an seinen Freund Friedrich Engels entgegen, denn die Profitrate (=KapitalrentabilitĂ€t) steige mit sinkendem Geldwert.[12] TatsĂ€chlich jedoch ergeben sich in inflationĂ€ren Phasen fĂŒr die Unternehmen nominale Scheingewinne, die real nicht vorhanden sind.
Otto von Zwiedineck-SĂŒdenhorst zeigte 1909 als erster die AbhĂ€ngigkeit der Kaufkraft von der Einkommensgestaltung und -bewegung in einer Volkswirtschaft.[13] Die österreichischen Ăkonomen Friedrich von Wieser (1909) und Ludwig von Mises (1911) gingen davon aus, dass mit zunehmendem Einkommen der Geldwert einer Geldeinheit abnehme. Nach John Maynard Keynes sind angebotsseitige und nachfrageseitige Geldwertdeterminanten zu unterscheiden. Er definierte 1930 den Geldwert als âdie FĂ€higkeit des Geldes, diejenigen GĂŒter und Dienste zu kaufen, fĂŒr deren Beschaffung zu Konsumzwecken eine bestimmte Gemeinschaft von Personen ihr Geldeinkommen verausgabtâ.[14]
EinflussgröĂen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Da das Preisniveau den Geldwert beeinflusst, wirken sich Inflation und Deflation auf den Geldwert aus. Nimmt der Geldwert (oder die Kaufkraft) ab, so liegt eine Inflation vor, umgekehrt eine Deflation.[15] Bei der Inflation spricht man auch von einer âGeldentwertungâ, weil fĂŒr eine Geldeinheit weniger GĂŒter/Dienstleistungen erworben werden können. Unterliegen Wirtschaftssubjekte einer Geldwertillusion, so ignorieren oder unterschĂ€tzen sie inflatorische Effekte. Sie rechnen vielmehr damit, dass die kĂŒnftigen Preise mit den aktuellen Preisen ĂŒbereinstimmen werden.[16] Der Geldwert nimmt zu (Deflation), wenn fĂŒr eine Geldeinheit mehr GĂŒter/Dienstleistungen erworben werden können.
Weitere EinflussgröĂe ist die Geldmenge. Der Geldwert nimmt ab, wenn die Geldmenge und damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bei konstantem GĂŒterangebot zunimmt und umgekehrt.[17]
Arten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es gibt einen inneren und einen Ă€uĂeren Geldwert.[18] Der innere Geldwert (âBinnenwert des Geldesâ) ist der Wert des Geldes, der rechnerisch im inlĂ€ndischen Preisindex zum Ausdruck kommt. Der Ă€uĂere Geldwert ergibt sich durch den Devisenkurs eines Landes. Er berĂŒcksichtigt neben dem Devisenkurs auch das Preisniveau im Ausland.[19] Stimmen der innere und der Ă€uĂere Geldwert nicht ĂŒberein, so ist eine Aufwertung oder Abwertung zwischen zwei FremdwĂ€hrungen erforderlich. Eine Aufwertung ist vorzunehmen, wenn der innere Geldwert im VerhĂ€ltnis zum Ă€uĂeren Geldwert zu hoch ist und deshalb der AuĂenwert durch einseitige WechselkursĂ€nderung heraufgesetzt (die inlĂ€ndische WĂ€hrung aufgewertet) wird und umgekehrt.[20] Weisen die unterschiedlichen WĂ€hrungen nach Auf- oder Abwertung durch ihre Wechselkurse denselben Geldwert auf, spricht man von KaufkraftparitĂ€t. Innerhalb des Euroraumes und der EU wird der Kaufkraftstandard (KKS) in Form einer fiktiven WĂ€hrung verwendet, ĂŒber die der Euro mit einem Prozentwert zum europĂ€ischen Mittelwert in das nationale Preisniveau umgerechnet werden kann.
Sonstiges
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Wort Geldwert kann auch als attributives Adjektiv benutzt werden, etwa in der Form geldwerter Vorteil.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und ĂŒber Geldwert im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Werner Mahr: EinfĂŒhrung in die Allgemeine Volkswirtschaftslehre. 1971, S. 192
- â Kompakt-Lexikon Wirtschaft. Springer Fachmedien Wiesbaden, 2014, S. 222
- â Lianos, Theodore: Xenophon's theory of money. In: History of Economic Ideas. Band 22, 2014, S. 41â53 (researchgate.net).
- â Martin Luther: Von Kauffshandlungen und Wucher. 1524, S. 222
- â Nikolaus Kopernikus: Monetae cudendae ratio. 1526, S. 38
- â Jean Bodin: La RĂ©ponse aux paradoxes de Monsieur de Malestroit. 1568, S. 9
- â Bernardo Davanzati: Lezioe della monete. 1588, S. 37 f.
- â William Petty: A treatise of taxes and contributions. 1662, S. 104
- â John Locke: Some Cosiderations of the Cosequences of the Lowering and Raising the Value of Money. 1691, S. 290
- â David Ricardo: On the high price of Bullion - a proof of the depreciation of Bank notes. 1809, S. 121
- â David Ricardo: On the high price of Bullion - a proof of the depreciation of Bank notes. 1809, S. 122
- â August Bebel/Eduard Bernstein (Hrsg.): Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx. Band 4, 2012, S. 36 f.
- â Alfred Kruse/Hans H. Lechner: Geld und Kredit. 1970, S. 236
- â John Maynard Keynes: A Treatise on Money. 1930/Vom Gelde. 1932, S. 43
- â Dietmar Dorn/Rainer Fischbach/Volker Letzner: Volkswirtschaftslehre 2: Volkswirtschaftstheorie und -politik. 2010, S. 84
- â Claus Köhler: Geldwirtschaft. Band 1, 1970, S. 334
- â Werner Ehrlicher (Hrsg.): Kompendium der Volkswirtschaftslehre. Band 1, 1975, S. 392
- â Max Rudolf Lehmann: Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 1956, S. 190
- â Volker HĂ€fner: Gabler Volkswirtschafts-Lexikon. 1983, S. 219
- â Reinhold Henzler: Betriebswirtschaftslehre des AuĂenhandels. 1970, S. 66