Hardliner
Der Begriff Hardliner (Lehnwort aus dem Englischen hard-liner), Aussprache [ËhaËdlaÉȘÌŻnÉ],[1] bezeichnet eine Person, die einen harten Kurs vertritt, meist im Sinne einer politisch unnachgiebigen Position oder Haltung.
Bedeutung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Allgemeinsprachliche WörterbĂŒcher liefern durchweg sehr Ă€hnliche, hĂ€ufig wortgleiche Definitionen: Mit dem Begriff âHardlinerâ wird demnach âein Vertreter eines harten (zumeist politischen) Kurses bezeichnetâ.[2]
Beispiele:
- Vertreter eines harten [politischen] Kurses (Duden)[3]
- Vertreter eines harten [politischen] Kurses (Duden-Fremdwörterbuch)[4]
- Vertreter eines harten politischen Kurses (Pons-Wörterbuch)[5]
- Vertreter eines harten politischen Kurses (Karl-Heinz Göttert)[6]
- pol. j-d, der e-n harten Kurs einschlÀgt (Langenscheidt)[7]
- Politiker, der einen kompromisslos harten Kurs verfolgt (Wahrig-Herkunftswörterbuch)[8][9]
Herkunft, Etymologie, Verbreitung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die aus hard (âhart, streng, rigorosâ) und line (âLinie, Richtung, Kursâ) zusammengesetzte englische Nominalphrase hard line und das zugehörige Adjektiv hard-line (âkompromisslos, unnachgiebigâ) wurden mit der aktuellen Bedeutung einer harten politischen Linie in der Zeit des Kalten Krieges geprĂ€gt. In ihrem Ursprungskontext Ende der 1950er Jahre im englischsprachigen Raum bezog sich die WortprĂ€gung auf besonders dogmatische und unbewegliche politische Positionen in der Sowjetunion. Ab circa 1963 ist auch die Personenbezeichnung hard-liner in der englischen Schriftsprache belegbar, die sich ebenso wie das Adjektiv hard-line Mitte der 1960er Jahre sowohl im britischen als auch im amerikanischen Englischen verbreitete.[10][11]
Im deutschen Sprachgebrauch kam der Begriff âHardlinerâ als Anglizismus gegen Ende der 1970er Jahre auf und verbreitete sich in den 1980er und 1990er Jahren.[12] In dieser Zeit gelangte das Wort als Neuzugang in die groĂen deutschen UniversalwörterbĂŒcher Duden und Wahrig.[13] Entsprechungen im lexikographisch dokumentierten Wortschatz der fĂŒnf (neben Englisch und Deutsch) fĂŒhrenden modernen europĂ€ischen Kultursprachen Französisch, Italienisch, NiederlĂ€ndisch, Schwedisch und Polnisch gab es zu dieser Zeit keine, sodass âHardlinerâ nicht zu den sogenannten Euroanglizismen gerechnet wird (Entlehnungen aus dem Englischen, die zeitgleich in mehrere europĂ€ische Sprachen eindrangen).[14] Verbreitung fand der Begriff zur Zeit der Wende ab 1989 auch in der DDR bzw. den Neuen LĂ€ndern, auch in der Zusammensetzung âSED-Hardlinerâ, als eine von mehreren typischen Bezeichnungen fĂŒr âeine Person(engruppe), die das alte DDR-System reprĂ€sentiert bzw. reprĂ€sentiert hat und die nicht in der Lage ist, auf sich verĂ€ndernde politische Gegebenheiten angemessen zu reagierenâ.[15]
Anders als im Englischen, wo die Zusammenschreibung ohne Bindestrich seltener anzutreffen[11] und nur im britischen Englischen verbreitet ist,[16] wÀhrend das American Heritage Dictionary sie nicht kennt, findet sich eine Bindestrichschreibweise im deutschen Schriftgebrauch praktisch gar nicht.[17]
Hardliner in Brasilien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine vergleichbare Entlehnung des englischen Begriffs fand bereits in den 1960er Jahren wĂ€hrend der MilitĂ€rdiktatur in Brasilien in Form einer LehnĂŒbersetzung in das brasilianische Portugiesische statt.[16][18] Hier wurde im Ursprungskontext die besonders autoritĂ€re und intransigente Fraktion innerhalb der in Brasilien herrschenden MilitĂ€rs um die Generale Costa e Silva und MĂ©dici sowie Geheimdienstchef Newton Cruz[19] als âHardlinerâ (linha-dura) bezeichnet und der gemĂ€Ăigteren âSorbonne-Gruppeâ um die Generale Castelo Branco, Geisel und Figueiredo gegenĂŒbergestellt.[20]
Anglizismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Sprachwissenschaftler Jan Georg Schneider versuchte am Beispiel der in der Zeit zwischen 1999 und 2006 zunehmenden Verwendung des Begriffs âHardlinerâ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in der SĂŒddeutschen Zeitung zu zeigen, dass Anglizismen â anders als von sprachpuristischen Kritikern oft angenommen â auch in der gehobenen deutschen Schriftsprache verbreitet sind.[21]
Der vom Verein Deutsche Sprache (VDS) ohne wissenschaftlichen Anspruch erstellte Anglizismus-Index bietet als Ersatzworte, die eine Verwendung dieses Anglizismus ĂŒberflĂŒssig machen sollen, die AusdrĂŒcke âDickkopf, Sturkopf, Betonkopfâ und âPrinzipienreiterâ an. Nach Schneider zeigt der empirische Vergleich dieser VorschlĂ€ge mit der tatsĂ€chlichen Verwendungsweise des entlehnten Wortes in konkreten Kontexten, âdass keine der angebotenen Alternativen den Bedeutungsumfang von Hardliner auch nur annĂ€hernd abdecktâ.[22]
Personenbezeichnung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In mehreren Schweizer Gerichtsurteilen wurde ausgeurteilt, dass die Bezeichnung einer Person als âHardlinerâ keine ehrverletzende Beleidigung darstelle, sondern von Betroffenen in der Regel als Charakterisierung ihres Verhaltens hingenommen werden mĂŒsse, die berechtigt sein könne, insoweit mit der Benennung eine kompromisslose Position gekennzeichnet oder auf die HartnĂ€ckigkeit in der Verfolgung von Zielen Bezug genommen werde.[2][23] Gleichwohl mahnt die Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz seit 2019 einen zurĂŒckhaltenden Gebrauch des Wortes in Radio und Fernsehen wegen seines Diffamierungspotenzials an.[23]
âFalkenâ
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der internationalen Politik werden Hardliner auch als âFalkenâ bezeichnet und den als âTaubenâ beschriebenen GemĂ€Ăigten gegenĂŒbergestellt.[24] Die Wortverbindung âHardliner und Falkeâ zur Charakterisierung eines Politikers oder Staatsmannes ist dementsprechend gebrĂ€uchlich.[25]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Hardliner, der. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache.
- 1 2 Urteil der II. zivilrechtlichen Abteilung des Bundesgerichts vom 7. Dezember 2012, abgerufen am 23. August 2023, Randnummer 6.1.
- â Hardliner, der. In: duden.de, abgerufen am 23. August 2023.
- â Duden. Das Fremdwörterbuch. 5., neu bearb. u. erw. Aufl., Dudenverlag, Leipzig, Wien, ZĂŒrich 1990, ISBN 3-411-20915-1, S. 300.
- â Der Ha̱rd·li·ner. In: pons.com, abgerufen am 23. August 2023.
- â Karl-Heinz Göttert: Neues Deutsches Wörterbuch. Helmut Lingen Verlag, Köln 2011, S. 361.
- â hard-liner. In: Langenscheidts GroĂes Schulwörterbuch. EnglischâDeutsch. 10. Auflage, Langenscheidt, MĂŒnchen 2002, ISBN 3-468-07124-8, S. 496.
- â Ursula Hermann, Arno Matschiner (Bearb.): Wahrig Herkunftswörterbuch. 4., vollstĂ€ndig neu bearbeitete und aktualisierte Auflage, Bertelsmann, MĂŒnchen 1998, S. 244.
- â Hardliner. In: Wahrig Herkunftswörterbuch, abgerufen am 2. September 2023.
- â Douglas Harper: hard-line (adj.). In: Online Etymology Dictionary, abgerufen am 23. August 2023.
- 1 2 Google Books NGram Viewer: Hardliner, hard-liner, hard-line (English 2012), 1900â2000, abgefragt am 23. August 2023.
- â Google Books NGram Viewer: Hardliner (German 2012), 1900â2005, abgefragt am 23. August 2023.
- â Alan Kirkness: EuropĂ€ismen/Internationalismen im heutigen deutschen Wortschatz. Eine lexikographische Pilotstudie. In: Gerhard Stickel (Hrsg.): Neues und Fremdes im deutschen Wortschatz. Aktueller lexikalischer Wandel (= Institut fĂŒr deutsche Sprache. Jahrbuch 2000). Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017102-3, S. 105â130; hier: S. 111.
- â Alan Kirkness: EuropĂ€ismen/Internationalismen im heutigen deutschen Wortschatz. Eine lexikographische Pilotstudie. In: Gerhard Stickel (Hrsg.): Neues und Fremdes im deutschen Wortschatz. Aktueller lexikalischer Wandel (= Institut fĂŒr deutsche Sprache. Jahrbuch 2000). Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-11-017102-3, S. 105â130; vgl. S. 122â126.
- â Dieter Herberg, Doris Steffens, Elke Tellenbach: SchlĂŒsselwörter der Wendezeit. Wörter-Buch zum öffentlichen Sprachgebrauch 1989/90 (= Schriften des Instituts fĂŒr Deutsche Sprache. Band 6). Walter de Gruyter, Berlin 1997, ISBN 3-11-015398-X, S. 323 f. (Zitat: S. 323).
- 1 2 linha-dura. In: DicionĂĄrio Collins PortuguĂȘsâInglĂȘs, abgerufen am 24. August 2023.
- â Jan Georg Schneider: Von free-floatendem Kapital, Hardlinern und Instructions. Linguistische Anmerkungen zur populĂ€ren Anglizismenkritik. In: LEO. Lingua et Opinio. Studentische Zeitschrift zu Sprache und Kommunikation, 19. Dezember 2006. Referiert nach Karoline Wirth: Der Verein Deutsche Sprache. Hintergrund, Entstehung, Arbeit und Organisation eines deutschen Sprachvereins (PDF; 3,8 MB) (= Bamberger BeitrĂ€ge zur Linguistik. Band 1). University of Bamberg Press, Bamberg 2010, ISBN 978-3-923507-65-8, S. 235.
- â linha-dura. In: Aulete Digital Lexikon, abgerufen am 24. August 2023.
- â Geneton Moraes Neto: Os bastidores do regime militar : general Newton Cruz descreve o dia em que saiu de BrasĂlia para o Rio para desmontar um novo atentado que militares estavam tramando depois do Riocentro. In: O Globo, 10. April 2010, abgerufen am 24. August 2023.
- â EustĂĄquio Donizeti de Paula: O regime militar na perspectiva do jornal Lavoura e ComĂ©rcio de Uberaba (1964â1968). Dissertation, UNESP, SĂŁo Paulo 2018, S. 84.
- â Jan Georg Schneider: âMacht das Sinn?â Ăberlegung zur Anglizismenkritik im Gesamtzusammenhang der populĂ€ren Sprachkritik. In: Muttersprache, Jg. 2008, Heft 1, S. 56â71; hier: S. 62. Referiert nach Isam Asker Hasan: Dynamische Sprachmodelle. Eine wissenschaftshistorische Untersuchung (PDF; 1,5 MB). Dissertation, UniversitĂ€t Mannheim 2017, S. 122 f.
- â Jan Georg Schneider: Von free-floatendem Kapital, Hardlinern und Instructions. Linguistische Anmerkungen zur populĂ€ren Anglizismenkritik. In: LEO. Lingua et Opinio. Studentische Zeitschrift zu Sprache und Kommunikation, 19. Dezember 2006. Zitiert nach Karoline Wirth: Der Verein Deutsche Sprache. Hintergrund, Entstehung, Arbeit und Organisation eines deutschen Sprachvereins (= Bamberger BeitrĂ€ge zur Linguistik. Band 1). University of Bamberg Press, Bamberg 2010, ISBN 978-3-923507-65-8, S. 236.
- 1 2 Köppel darf als «Hardliner» bezeichnet werden â ihn stört es nicht (immer). In: Watson, 31. Mai 2022, abgerufen am 23. August 2023.
- â Heiliges Tier oder Bazillenbomber. In: Die Rheinpfalz, 25. Januar 2018, abgerufen am 23. August 2023.
- â Beispielhaft: Mazedonien: Friedenssuche scheitert, in Tagesspiegel, 19. Juli 2001; Papst Johannes Paul II., in Der Spiegel, 1. Februar 2004; Trumps Mann mit dem Drang zum Iran-Krieg, in Berner Zeitung, 11. Mai 2019; Martin Benninghoff: EmissĂ€r des Solisten, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Mai 2019; Ariel Scharons letzter Kampf, in Filmdienst; alle abgerufen am 23. August 2023.