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Lothar Trolle

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Lothar Trolle mit Elisabeth Panknin (2014)

Lothar Trolle (* 22. Januar 1944 in BrĂŒcken; † 31. MĂ€rz 2025 in Berlin) war ein deutscher Dramatiker, ErzĂ€hler, Lyriker, Hörspielautor und Übersetzer.

Nach seinem Abitur im Jahr 1963 machte Lothar Trolle eine Ausbildung als Handelskaufmann und arbeitete danach zeitweise als Transportarbeiter und BĂŒhnentechniker am Deutschen Theater Berlin. Er studierte von 1966 bis 1970 Philosophie bei Wolfgang Heise an der Humboldt-UniversitĂ€t Berlin. Seitdem lebte er als freischaffender Autor. In den Jahren von 1983 bis 1987 gab er im Selbstverlag zusammen mit Uwe Kolbe und Bernd Wagner die Literaturzeitschrift Mikado heraus. 1991 wurde er von Peter Eschberg als Hausautor an das Schauspiel Frankfurt berufen. Den Durchbruch erlebte Lothar Trolle, als Frank Castorf 1992 sein zwei Jahre zuvor entstandenes StĂŒck Hermes in der Stadt am Deutschen Theater Berlin inszenierte. Von 1994 bis 1999 war er Hausautor am Berliner Ensemble. 1978 und 1991 erhielt er den Kinderhörspielpreis von Terre des Hommes, 1998 den Hörspielpreis der Akademie der KĂŒnste und wurde 2007 der 26. Stadtschreiber zu Rheinsberg. Lothar Trolle war Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Seit 2019 war Lothar Trolle Mitglied der Akademie der KĂŒnste (Berlin).[1]

Lothar Trolle war zweifacher Vater und lebte in Berlin. Dort starb er am 31. MÀrz 2025 im Alter von 81 Jahren.[2][3] Die Kinder stammen aus der Beziehung mit der Theaterregisseurin Wera Herzberg.[3]

Die StĂŒcke Lothar Trolles verlangen dem Publikum einiges ab, sie sind sowohl inhaltlich als auch sprachlich kompliziert. Das Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur schreibt dazu: „Formauflösung, Beseitigung gĂ€ngiger Dramenmuster wie Dialog oder Finalspannung, Spiel und Gegenspiel bis hin zur Figurenauflösung in den avanciertesten FĂ€llen bilden den Kern der trolleschen Dramatik, die im klassisch avantgardistischen Sinne auf die grundsĂ€tzliche VerĂ€nderung der szenischen Form setzt.“[4] Kennzeichnend fĂŒr den Autor ist, dass er seine Dramen als work in progress versteht, sie immer wieder anders zusammensetzt, indem er Szenen aus dem einen in ein anderes StĂŒck verpflanzt und den StĂŒcken neue Titel gibt. Thematisch kreisen Trolles Arbeiten um Faschismus und Widerstand, um surreal gestaltete Alltagsdarstellungen, um alttestamentliche Endzeitbilder sowie dadaistische Kasperle-StĂŒcke.

Hermes in der Stadt

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Hermes in der Stadt ist das StĂŒck Trolles, das große Resonanz fand und mit dem er bekannt wurde. Frank Castorf inszenierte es 1992 am Deutschen Theater Berlin; es folgten AuffĂŒhrungen auf weiteren deutschen BĂŒhnen, so 1993 an den Freien Kammerspielen Magdeburg in der Regie von Wolf Bunge, 1998 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg unter Dimiter Gotscheff und 2004 in den Kammerspielen MĂŒnchen unter Laurent ChĂ©touane. In diesem Großstadtmilieu-StĂŒck, das auch in der Pariser Banlieue oder einem Vorort von Rio spielen könnte, verwertete Trolle zum Teil real geschehene Verbrechen aus Berlin-Marzahn. In vier Szenen geht es ĂŒber Mord, Vergewaltigung, KindesentfĂŒhrung und Raub. Kinder verfĂŒhren andere per Telefon zum Suizid. Trolle verschrĂ€nkt den Mythos von Hermes, dem „Gott der Diebe und HĂ€ndler mit der scheinbar ideologielosen, postindustriellen Stadtgesellschaft. Hermes zeigt sich als Leitfigur der herrschenden Ideologie: Wo Aas ist, sammeln sich die Geier! / Besser, / andere balbieren als selbst balbiert zu / werden!“[5] Castorf nannte das StĂŒck „eine Großstadt-Sinfonie“[6] und sagte darĂŒber anlĂ€sslich der UrauffĂŒhrung: „Man merkt, wie viel Eruption schon damals in der DDR unter dieser Haut der Langeweile brodelte.“[7]

In Jozia, dem 1988 im Schweriner Staatstheater uraufgefĂŒhrten StĂŒck, das bereits im Jahr zuvor mit dem Deutschen Kinderhörspielpreis von „Terre des Hommes“ ausgezeichnet wurde, stammt die Hauptfigur aus Anna Seghers 1951 entstandenen ErzĂ€hlung „Die Tochter der Delegierten“. In diesem Drama wartet das dreizehnjĂ€hrige MĂ€dchen auf die RĂŒckkehr ihrer Mutter, die sich illegal auf einem Gewerkschaftskongress in der Sowjetunion aufhĂ€lt. Die VorhĂ€nge sind verschlossen, denn niemand darf erfahren, dass die Wohnung bewohnt ist. Jozia ist allein, hat nur noch ein StĂŒck Brot, die Zeit steht still und ihre Einsamkeit ist quĂ€lend. Diese Grundsituation – das sinnlose Sitzen in der Wohnung – taucht auch in Trolles 1991 uraufgefĂŒhrtem Monolog Ein Vormittag in der Freiheit auf.

  • Heimatland. Texte 1. Mit einem Nachwort von Jan Hein. Hrsg.: Jan Hein. Spector Books, Leipzig 2024, ISBN 978-3-95905-637-3.
  • Geschichtsunterricht. Texte 2. Mit einem Nachwort von Barbara Honigmann. Hrsg.: Jan Hein. Spector Books, Leipzig 2024, ISBN 978-3-95905-814-8.
  • Nach der Sintflut. Gesammelte Werke. Henschel-Schauspiel-Theaterverlag / Alexander-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89581-166-1.
  • Berlin fin du monde. Edition Théùtrales, Paris 1998, ISBN 2-84260-022-3 (französisch).
  • Nach dem Besuch eines Toten. Ludewig, Berlin 1997, ISBN 3-9805851-1-5.
  • Die Baugrube. Alexander-Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-923854-63-3.
  • Das PrinzenmĂ€rchen. Dronte, Berlin 1996, DNB 947268731.
  • Die 81 Minuten des FrĂ€ulein A. (Annas zweite Erschaffung der Welt). BasisDruck, Berlin 1995, ISBN 3-86163-076-1.
  • Das Klassenfenster. Dramolette, Prosa und anderes. Frisinga, Freising 1991, ISBN 3-88841-036-3 (mit Zeichnungen von Horst Hussel).
  • Hermes in der Stadt. StĂŒcke. Henschel, Berlin 1991, ISBN 3-362-00550-0.

TheaterstĂŒcke

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Titel UrauffĂŒhrung Ort Jahr Regie
Torsten[8] Theater Aggregate Halle/Saale 2019 Silvio Beck
K.O. nach zwölf Runden Mainfranken Theater WĂŒrzburg 2014 Sascha Bunge
Sie leben! Sie leben! Sie leben noch immer! Theater an der Parkaue Berlin 2013 Sascha Bunge
Leuchte Berlin, Leuchte! Theater an der Parkaue Berlin 2010 Sascha Bunge
Das Hildebrandslied Theater an der Parkaue Berlin 2006 Sascha Bunge
Weiß auf Weiß Stadttheater Konstanz Konstanz 2005 Wolfram Apprich
MĂ€rkische Pastorale Theater Senftenberg Senftenberg 2004 Sascha Bunge
Der fliehende Bulle von P. Theaterdiscounter Berlin 2003 Wolfram Apprich
Die Baugrube (nach A. Platonow) Berliner Ensemble Berlin 1996 Armin Petras
Die Heimarbeiterin Berliner Ensemble Berlin 1996 Wera Herzberg
Die Stunde des Herrn Volkstheater Rostock Rostock 1993 Irene Hoffmann
Lizzi oder Manage frei fĂŒr eine Ă€ltere Dame Deutsches Theater Berlin 1993 Tatjana Rese
Hermes in der Stadt Deutsches Theater Berlin 1992 Frank Castorf
Ein Vormittag in der Freiheit oder Sie gestatten, Lehmann, vorn mit l und hinten mit n wie Lenin Freie Kammerspiele Magdeburg 1991 Wolf Bunge
Barackenbewohner Theater unterm Dach Berlin 1990 Wera Herzberg
Jozia, die Tochter der Delegierten Staatstheater Schwerin Schwerin 1988 Thomas Valentin
PapaMama / 34 SĂ€tze ĂŒber eine Frau Theater Gera Gera 1986 Wolf Bunge
  • 1986 Jozia, die Tochter der Delegierten oder Die Heilige Johanna in der WohnkĂŒche nach einer ErzĂ€hlung von Anna Seghers, Regie: Karlheinz Liefers (DDR)
  • 1989: Einer sitzt auf dem Sofa und sucht seinen Traum, Regie: Otto DĂŒben (SDR)
  • 1991: Ein Vormittag in der Freiheit oder Sie gestatten, Lehmann vorn mit L wie Lenin, Regie: Karlheinz Liefers (Funkhaus Berlin)
  • 1991: Das Dreivierteljahr des David Rubinowitz oder Requiem auf einen Jungen der nicht Radfahren lernte, Regie: Karlheinz Liefers (Funkhaus Berlin/HR) (Terre des Hommes-Kinderhörspielpreis)
  • 1992: Wstawate, Lizzy, wstawate oder Manege frei fĂŒr eine Ă€ltere Dame, Regie: Karlheinz Liefers (DS Kultur/SFB)
  • 1994: Sie zu dritt unterm Apfelbaum, Regie: Ulrich Gerhardt (DLR/DRS)
  • 1995: Belo-Russische Anthologie, Regie: Ulrich Gerhardt (DLR)
  • 1997: Gott flaniert, Regie: Klaus Buhlert (DLF/DRS)
  • 1997: Annas zweite Erschaffung der Welt oder Die 81 Minuten des FrĂ€ulein A., Regie: Jörg Jannings (SDR/DLR), (Hörspiel des Monats, Hörspielpreis der Akademie der KĂŒnste)
  • 1999: Der Herbst der R. L., Regie: Ulrich Gerhardt (DLF/SWR)
  • 2007: Stern ĂŒber Marzahn, Regie: Klaus Buhlert (DLF)
  • 2010: Hans (im GlĂŒck), Regie: Götz Naleppa (RBB)
  • 2013: Judith, Regie: Walter Adler (DLF)
  • 2015: Dshan, nach Motiven des Romans von Andrei Platonow in der Übersetzung von Alfred Frank, Regie: Walter Adler (SWR), Hörspiel des Jahres 2015
  • 2017: Epitaph fĂŒr Sally Epstein – Regie: Wolfgang Rindfleisch (Hörspiel – RBB)

Übersetzungen

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  • VĂ­tězslav Nezval: Depesche. Aus dem Tschechischen. Ludewig, Berlin 2000
  • VĂ­tězslav Nezval / Karel Teige: Depesche auf RĂ€dern. Theatertexte 1922–1927. BasisDruck, Berlin 2001

Einzelnachweise

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  1. ↑ Lothar Trolle. Akademie der KĂŒnste, abgerufen am 2. April 2025.
  2. ↑ Gregor Dotzauer: Der Fragensteller. Zum Tod von Lothar Trolle. In: tagesspiegel.de. 31. MĂ€rz 2025, abgerufen am 31. MĂ€rz 2025.
  3. 1 2 Traueranzeigen von Lothar Trolle. In: trauer.tagesspiegel.de. 5. April 2025, abgerufen am 22. September 2025.
  4. ↑ Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – KLG
  5. ↑ Axel Schalk: Lothar Trolle. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sowie Lothar Trolle: Hermes in der Stadt. Henschel, Berlin 1991
  6. ↑ Nach der Sintflut, Eintrag beim Alexander Verlag Berlin
  7. ↑ Frank Castorf zu seiner UrauffĂŒhrung von Hermes in der Stadt am Deutschen Theater Berlin am 16. Februar 1992
  8. ↑ Torsten. Theater Aggregate e. V., abgerufen am 31. MĂ€rz 2025.