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Ludwig Zind

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Ludwig Pankraz Zind (* 13. Februar 1907 in Offenburg; † 13. April 1973 ebenda) war ein deutscher Studienrat aus Offenburg, der im Rahmen des sogenannten „Falles Zind“ Ende der 1950er Jahre bundesweite Aufmerksamkeit erhielt.

Ludwig Zind studierte an der Eberhard-Karls-UniversitĂ€t TĂŒbingen und gehörte seit 1925 der Straßburger Burschenschaft Arminia zu TĂŒbingen an. 1934 lebte er als Studienassessor in Pforzheim.[1]

In der Nacht vom 23. auf den 24. April 1957 fand im Gasthaus ZĂ€hringer Hof in Offenburg ein folgenreiches StreitgesprĂ€ch zwischen dem Studienrat Ludwig Zind, der am dortigen Grimmelshausen-Gymnasium die FĂ€cher Biologie und Mathematik unterrichtete, und dem Kaufmann Kurt Lieser statt. Dieses GesprĂ€ch, das durch antisemitische Beschimpfungen gegen den KZ-Überlebenden und „Halbjuden“ Lieser durch den Offenburger Studienrat gekennzeichnet war, wurde zum Anlass einer öffentlichen Auseinandersetzung ĂŒber Antisemitismus in der frĂŒhen Bundesrepublik. Zind Ă€ußerte im GesprĂ€ch unter anderem, die Juden seien am Niedergang der Weimarer Republik schuld gewesen und im „Dritten Reich“ hĂ€tte die Notwendigkeit bestanden, sie „auszuschalten“. Zind Ă€ußerte des Weiteren, er halte die Vergasung der Juden im „Dritten Reich“ fĂŒr richtig und die Grundkonzeption des Nationalsozialismus sei ebenfalls richtig gewesen. Mehrmals fiel von Zind die Bemerkung, es sei schade, dass Lieser nicht vergast worden sei, dass wohl vergessen worden sei, Lieser zu vergasen und auch, dass es schade sei, dass er nicht den Kamin oder Rauchfang hochgegangen sei. Lieser wurde von Zind darĂŒber hinaus als „Dreckspatz“ und „Dreckjude“ beschimpft. Lieser informierte aufgrund eines Ratschlags des Landgerichtsdirektors Schiruska den Oberrat der Israeliten Badens, der das Kultusministerium in Stuttgart ĂŒber den Vorfall in Kenntnis setzte. Das Ministerium beauftragte das Oberschulamt Freiburg damit, sich um den Fall zu kĂŒmmern, das Oberschulamt gab die Angelegenheit zur KlĂ€rung an den Oberstudiendirektor des Grimmelshausen-Gymnasiums ab. Daraufhin kam es zu einer Aussprache im Grimmelshausen-Gymnasium. Zind weigerte sich jedoch seine Äußerungen des StreitgesprĂ€chs zurĂŒckzunehmen. Unter anderem ließ er verlauten: „Ich krieche doch vor einem Juden nicht zu Kreuze, lieber gehe ich Straßenkehren“, „Israel gehört ausradiert“. Nach UntĂ€tigkeit des Oberschulamts informierte Lieser Ende 1957 das Stuttgarter Spiegel-BĂŒro. Daraufhin veröffentlichte das Nachrichtenmagazin am 18. Dezember einen Artikel ĂŒber den Fall Zind.[2] Nach dem Erscheinen des Artikels leitete das Oberschulamt Freiburg ein Dienststrafverfahren gegen Ludwig Zind ein. Im baden-wĂŒrttembergischen Landtag gab es eine Aktuelle Stunde. ZusĂ€tzlich erhob die Staatsanwaltschaft Offenburg Anklage gegen Ludwig Zind. Der Fall war auch deshalb so brisant, weil Ludwig Zind ein bekanntes Mitglied der Offenburger Gesellschaft war. So war der Studienrat beispielsweise Vorsitzender des Turnvereins 1848.

Prozess gegen Ludwig Zind

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Das Landgericht Offenburg stellte fest, dass Zinds Aussagen, der Holocaust habe seine Berechtigung gehabt, die Grundkonzeption des Nationalsozialismus sei richtig gewesen und sein GesprĂ€chskontrahent Lieser „sei besser den Rauch hochgegangen“, beleidigend gewesen seien und das Andenken Verstorbener verunglimpft worden sei. (Volksverhetzung war zu dem Zeitpunkt noch kein Straftatbestand.) Im Prozess selbst bezeichnete Ludwig Zind den Staat Israel als eine „Pestbeule“, die ausradiert gehöre, und wiederholte seine Ansichten des StreitgesprĂ€chs. Ludwig Zind wurde vom Landgericht zu einem Jahr und einem Tag GefĂ€ngnis ohne BewĂ€hrung verurteilt.[3] Zustimmung erfuhr das Urteil im Medienecho, wĂ€hrend nach der Verurteilung von Teilen des Gerichtspublikums Sympathie fĂŒr Ludwig Zind bekundet wurde.

Ludwig Zind musste seine Strafe jedoch nicht sofort antreten, und so konnte er vor dem Revisionsverfahren am 28. November 1958 erst nach Ägypten und danach nach Libyen fliehen, wo er Asyl genoss und eine Professorenstelle erhielt. Nach einem unentdeckten Aufenthalt in Deutschland 1960 wurde Zind auf der RĂŒckreise nach Nordafrika aufgrund des internationalen Haftbefehls in Neapel festgenommen. 1961 wurde der Auslieferungsantrag der Bundesrepublik von Italien abgelehnt und Zind kam wieder auf freien Fuß. Am 11. Juli 1970 wurde er jedoch von der Polizei bei seiner Ankunft am Flughafen DĂŒsseldorf festgenommen. Seine verbleibende Reststrafe musste Zind jedoch nicht antreten, sie wurde zur BewĂ€hrung ausgesetzt.

Bedeutung der Medien im Fall Zind

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Zur Anklage im Fall Zind (AnklĂ€ger war die Staatsanwaltschaft Offenburg) kam es erst, nachdem der Spiegel am 18. Dezember 1957 darĂŒber berichtet hatte. Trotz des Scheiterns eines VersöhnungsgesprĂ€chs zwischen Ludwig Zind und Kurt Lieser unternahm das Oberschulamt Freiburg i. Br. nichts gegen den bekennenden Antisemiten und Lehrer Zind. Die Tatenlosigkeit des Oberschulamts und des baden-wĂŒrttembergischen Kultusministeriums veranlassten den 28-jĂ€hrigen Spiegel-Journalisten StĂ€hle dazu, den Fall an die Öffentlichkeit zu bringen. Die großen deutschen Zeitungen, u. a. Die Zeit, FAZ, Frankfurter Rundschau und Die Welt, aber auch internationale BlĂ€tter griffen den Fall auf, um einen Diskurs ĂŒber antisemitisches Gedankengut in der frĂŒhen Bundesrepublik zu fĂŒhren.

Zind war Alter Herr der Straßburger Burschenschaft Arminia zu TĂŒbingen in der Deutschen Burschenschaft und berief sich auch in seinen Reden auf seine Mitgliedschaft. Dies veranlasste die Freiburger Burschenschaft Franconia, in einem Leserbrief in der Zeitung Die Welt (21. Februar 1958) eine Verurteilung der Äußerungen Zinds und eine Distanzierung vom Antisemitismus zu veröffentlichen.[4] Die Deutsche Burschenschaft verabschiedete angesichts des Falls Zind auf ihrem Burschentag 1958 folgenden Beschluss:

„Die Deutsche Burschenschaft nimmt den Fall des Studienrates Zind [...] zum Anlaß, sich erneut zum Grundsatz der MenschenwĂŒrde [...] zu bekennen und sich mit Nachdruck von jedem Antisemitismus und Rassenwahn zu distanzieren. Die Verbrechen, die das Dritte Reich an den Juden begangen hat, verpflichten jeden Deutschen, alles in seinen KrĂ€ften stehende zu tun, um zur VerstĂ€ndigung unter den Völkern beizutragen. Die Deutsche Burschenschaft bekrĂ€ftigt daher ihren Willen, auch in Zukunft antisemitischen Tendenzen, wo immer sie auftreten, energisch entgegenzutreten.“[5]

Auch im Film Rosen fĂŒr den Staatsanwalt (1959) wurde der Fall Zind aufgegriffen.[6] Zind wird dort Zirngiebel genannt. Im Film wird auf eine mögliche Hilfe der Justiz bei der Flucht Zinds angespielt. Der Film wurde 1960 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet, wobei der damalige Bundesinnenminister Gerhard Schröder (CDU) demonstrativ der Verleihung fernblieb. Regisseur Wolfgang Staudte wollte den Preis nicht von „dem ehemaligen SA-Mann“ Schröder annehmen.[7]

  • Werner Bergmann: Antisemitismus in öffentlichen Konflikten. Kollektives Lernen in der politischen Kultur der Bundesrepublik 1949-1989. Campus, Frankfurt 1997, ISBN 3-593-35765-8
  • Frank Flechtmann: Ludwig Pankraz Zind: „Im Übrigen bin ich stolz darauf...“ Der Sputnik, Rosemarie Nitribitt und der Fall Zind. In: Wolfgang Proske (Hrsg.): TĂ€ter Helfer Trittbrettfahrer. NS-Belastete aus Baden-WĂŒrttemberg, Band 9: NS-Belastete aus dem SĂŒden des heutigen Baden-WĂŒrttemberg. Kugelberg Verlag, Gerstetten 2018, S. 412–424, ISBN 978-3-945893-10-4.
  • Andreas Lörcher: Antisemitismus in der öffentlichen Debatte der spĂ€ten fĂŒnfziger Jahre. Mikrohistorische Studie und Diskursanalyse des Falls Zind. Dissertation, UniversitĂ€t Freiburg i. Br. 2008 (Volltext)
  • TIME vom 21. April 1958
  • Im Falle eines „Falles“. In: Die Zeit, Nr. 6/1958
  • Zind und seine MitbĂŒrger. In: Die Zeit, Nr. 16/1958
  • IN SPIEGEL VERITAS. In: Der Spiegel. Nr. 5, 1958 (online).
  • Lieber Spiegelleser. In: Der Spiegel. Nr. 51, 1958 (online).

Einzelnachweise

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  1. ↑ Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 565.
  2. ↑ Der Spiegel 51/1957, S. 35: Lehrer – Israel wird ausradiert
  3. ↑ Kurt Daniel Stahl: Erlösung durch Vernichtung. Zeit online vom 27. Mai 2010
  4. ↑ August Asche: Aus der DB. In: Bundesnachrichten der Jenenser Germanen, Nr. 37 (MĂ€rz 1958), S. 27–28.
  5. ↑ Peter Kaupp: Burschenschafter in der NS-Zeit – TĂ€ter und Widerstand, jĂŒdische Opfer. In: Christian Oppermann (Hrsg.): „Wahrheit, Muth und Kraft“ – Gedenkschrift fĂŒr den Historiker, Archivar und Burschenschafter Professor Dr. Dr. Harald Lönnecker (= Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. Band 24), UniversitĂ€tsverlag Winter, Heidelberg 2025, ISBN 978-3-8253-9595-7, S. 594.
  6. ↑ Der Spiegel 36/1959, S. 72 f.: Deutlicher Handlungshinweis und Inhaltsangabe
  7. ↑ Wolfgang Kraushaar: Protestchronik. Band 3, S. 2275.