Myelinscheide
Die Myelinscheide (zu altgriechisch ÎŒÏ Î”Î»ÏÏ myelos âMarkâ[1]) oder Markscheide ist eine lipidreiche Schicht, die bei Wirbeltieren die Axone mancher Nervenzellen umgibt. Sie wird gebildet aus der myelinhaltigen Zellmembran von Gliazellen (Oligodendrozyten im Zentralnervensystem, Schwann-Zellen im peripheren Nervensystem), die zu mehreren nebeneinander den Fortsatz der Nervenzelle umwickeln. Durch die Myelinscheide sinken Leitwert und KapazitĂ€t der Nervenzellmembran, was die besonders schnelle saltatorische Erregungsleitung ermöglicht.
Bildung
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Im ZNS gehen vom Soma eines Oligodendrozyten FortsĂ€tze aus, die jeweils einen Teilabschnitt eines Axons umhĂŒllen. Ein Oligodendrozyt kann so an den UmhĂŒllungen von etwa 10â50 Axonen beteiligt sein.[2] Eine Schwann-Zelle im PNS umwickelt je einen Teilabschnitt eines Axons, wobei viele Schwann-Zellen hintereinander liegen, wenn der lange Neurit umhĂŒllt und so zum Axon wird.
Bei der Bildung von Myelinscheiden, der Myelogenese oder Markreifung, wachsen die Schwann-Zellen mehrmals um den Nervenzellfortsatz herum und wickeln ihn derart bis zu fĂŒnfzigmal mit doppelten Lagen ihrer Zellmembran ein.[3] Dabei kommen die ZellmembranÂschichten unmittelbar aneinander zu liegen. Zwischen zwei Membraninnenseiten ist normalerweise kein Zytoplasma mehr vorhanden, sondern sie sind miteinander zur Hauptlinie oder inneren Anlagerungslinie verschmolzen, wo sich das basische Myelinprotein befindet.[2] Nicht verschmolzen sind die Zellmembranen an den Stellen der sogenannten Schmidt-Lantermann-Einkerbungen oder Myelininzisuren. Hier bestehen fĂŒr den Stoffaustausch ZytoplasmabrĂŒcken, die sich als lichtmikroskopisch sichtbarer schmaler, schrĂ€g verlaufender Streifen durch alle Myelinschichten der Myelinscheide ziehen und miteinander verbunden sind.
Funktion
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nervenfasern mit stark ausgebildeten Myelinscheiden werden als markhaltig oder markreich bezeichnet und damit unterschieden von markarmen Fasern mit geringer ausgebildeter Myelinscheide und marklosen Fasern ohne Myelinscheide. Eine starke Myelinscheide schĂŒtzt den umhĂŒllten Neuriten mechanisch und isoliert ihn elektrisch vom umgebenden Milieu; der gröĂere Abstand zwischen intrazellulĂ€rer und extrazellulĂ€rer FlĂŒssigkeit senkt zudem die spezifische MembrankapazitĂ€t.
Aktive Erregungsleitung ist langsamer als passive (rein elektrotonische) Erregungsleitung. Bei der saltatorischen Erregungsleitung werden Aktionspotentiale nur noch an den sogenannten Ranvier-SchnĂŒrringen aufgebaut, wo zwischen zwei umhĂŒllenden Gliazellen die dicke Myelinscheide des Axons unterbrochen ist. Der jeweils circa 0,2 bis 1,5 Millimeter lange Axonabschnitt zwischen zwei solchen SchnĂŒrringen wird als Internodium bezeichnet. In diesen internodalen Segmenten verringert die isolierende Myelinscheide Leckströme durch die Membran, weshalb die elektrotonische Ausbreitung der Depolarisation verlustarm ĂŒber diese weite Strecke möglich ist (gröĂere MembranlĂ€ngskonstante). Die verringerte MembrankapazitĂ€t beschleunigt dabei die Umladung der Membran (kleinere Membranzeitkonstante).
Durch die Entwicklung der MarkscheidenfÀrbung durch Carl Weigert gelangen ab 1882 entscheidende Fortschritte bei der Erforschung des Nervensystems.[4]
Erkrankungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei der Multiplen Sklerose und anderen demyelinisierenden Erkrankungen wird ebendiese MyelinhĂŒlle der NervenzellfortsĂ€tze streckenweise zerstört â im Fall der Multiplen Sklerose durch Autoantikörper wie Anti-MOG-Antikörper und Anti-MBP-Antikörper. Dieser im Erkrankungsschub ablaufende Prozess wird als eine entzĂŒndliche Demyelinisation bezeichnet.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Renate Wahrig-Burfeind (Hrsg.): Wahrig. Illustriertes Wörterbuch der deutschen Sprache. ADAC-Verlag, MĂŒnchen 2004, ISBN 3-577-10051-6, S. 590.
- 1 2 Ulrich Welsch: Sobotta Lehrbuch Histologie. Zytologie, Histologie, mikroskopische Anatomie. 2., völlig ĂŒberarbeitete Auflage. Elsevier, Urban & Fischer, MĂŒnchen u. a. 2006, ISBN 3-437-44430-1, S. 189.
- â Ulrich Welsch: Sobotta Lehrbuch Histologie. Zytologie, Histologie, mikroskopische Anatomie. 2., völlig ĂŒberarbeitete Auflage. Elsevier, Urban & Fischer, MĂŒnchen u. a. 2006, ISBN 3-437-44430-1, S. 186â188.
- â Wolfgang Seeger, Carl Ludwig Geletneky: Chirurgie des Nervensystems. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang â Entwicklung â Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei MĂŒnchen 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 229â262, hier: S. 232.