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ZentralitÀt

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
(Weitergeleitet von Polyzentrisch)

Die ZentralitĂ€t von GĂŒtern und Dienstleistungen richtet sich in den Wirtschaftswissenschaften nach der rĂ€umlichen Distanz, die ein Verbraucher zu ĂŒberwinden bereit ist, um diese Wirtschaftsobjekte an einem zentralen Ort zu erwerben. Auch in der Soziometrie wird der Begriff verwendet.

ZentralitĂ€t ist im System der zentralen Orte der Raumordnung ein wesentliches Kriterium. Die Zentrenhierarchie ist die Klassifizierung von Regionen oder Ortschaften nach der Bedeutung ihrer Versorgungsfunktion fĂŒr die Bevölkerung.[1] Die Typologisierung erfolgt nach der Vielfalt des GĂŒterangebots, aber auch nach der vorhandenen Infrastruktur. Die Anziehungskraft (AttraktivitĂ€t) von Zentren bestimmt im Wesentlichen ihr Einzugsgebiet und ist damit ein entscheidender Faktor fĂŒr die Standortwahl im Einzelhandel.

ZentralitÀt kann durch zentralörtliche Einrichtungen auf verschiedenen Sektoren erzeugt werden (z. B. auf den Sektoren Bildung, Dienstleistung, Freizeit, Gesundheitswesen, Handel, Kultur, Verkehr oder Verwaltung). In diesem Kontext bezieht sich ZentralitÀt auf die Wirtschaftsgeographie bzw. Raumordnung.

EinzelhandelszentralitÀt

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Die EinzelhandelszentralitĂ€t ist in der Handelsbetriebslehre eine volkswirtschaftliche Kennzahl, die dem Kaufkraftpotenzial die Kaufkraftbindung gegenĂŒberstellt und Anhaltspunkte fĂŒr Versorgungsdefizite (AngebotslĂŒcke) bzw. VersorgungsĂŒberschĂŒsse (AngebotsĂŒberhang) in einer Gebietskörperschaft (Stadt, Landkreis) liefert.

Die EinzelhandelszentralitĂ€t ergibt sich aus der GegenĂŒberstellung der in einer Gebietskörperschaft erzielten Umsatzerlöse des Einzelhandels zu der dort vorhandenen einzelhandelsrelevanten Kaufkraft :[2]

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Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft ist das verfĂŒgbare Nettoeinkommen zuzĂŒglich dem Entsparen (Entnahme von Spareinlagen), Transfereinkommen und Aufnahme von Konsumkrediten, abzĂŒglich Sparen und Kredittilgung und abzĂŒglich der Ausgaben fĂŒr Altersversorgung, Brennstoffe, Kraftfahrzeuge, Reisen, Reparaturen, VersicherungsprĂ€mien, Wohnung und sonstige Dienstleistungen.[3]

Die Aussagekraft der EinzelhandelszentralitĂ€t ist nicht eindeutig. Diese Kennzahl ist ein Indikator dafĂŒr, inwieweit es einer Region gelingt, Kaufkraft zu Gunsten des dort angesiedelten Einzelhandels anzuziehen. Der Indikator bestimmt die AttraktivitĂ€t einer Stadt oder einer Gemeinde als Einzelhandelsstandort. Als attraktiv gilt ein Standort, wenn er mehr Kaufkraft bindet als den Einwohnern zur VerfĂŒgung steht. Das bedeutet, dass bei einer Kennziffer von grĂ¶ĂŸer als 100 % Kunden aus dem Umland in die Stadt oder Gemeinde gelenkt werden und der Standort eine Sogwirkung entfaltet. Liegt die Kennzahl unter 100 %, geht örtliche Kaufkraft in das Umland (wo es große Einkaufszentren gibt) oder an den Versandhandel (Online-Handel) verloren. Die neutrale Kennzahl von genau 100 % sagt aus, dass weder Kaufkraft zufließt noch abfließt.

Allerdings steigt die EinzelhandelszentralitĂ€t nicht nur bei steigenden Umsatzerlösen, sondern auch, wenn die Kaufkraft infolge von rĂŒcklĂ€ufiger Bevölkerungszahl oder vermindertem Einkommen abnimmt.

In der Soziometrie ist die ZentralitĂ€t die relative Stellung einer Person in einem Kommunikationssystem oder Netzwerk. Die entsprechende Kennzahl drĂŒckt das VerhĂ€ltnis zwischen den von einer Person gesendeten und empfangenen Kommunikationen und der Gesamtzahl aller Kommunikationen in einem bestimmten Zeitraum aus.[4] Die Degree-ZentralitĂ€t eines Netzwerks ergibt sich fĂŒr jeden Netzwerkteilnehmer aus der Gesamtzahl seiner direkten Kontakte und beruht auf der Annahme, dass ein Akteur in einem Netzwerk umso wichtiger ist, je mehr direkte Beziehungen er zu anderen hat (Klicks, Likes).[5] Eingehende Kontakte (Indegree-ZentralitĂ€t) sagen etwas ĂŒber die PopularitĂ€t oder das Prestige aus, ausgehende (Outdegree-ZentralitĂ€t) ist ein Indikator fĂŒr seine AktivitĂ€ten im Netzwerk.

Wirtschaftliche Aspekte

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Zu beobachten ist, dass das theoretische System der zentralen Orte, auf das die ZentralitĂ€tskennziffer abstellt, dem realen Konsumverhalten der Konsumenten in weiten Teilen nicht entspricht. Die Konsumenten richten ihre VersorgungstĂ€tigkeit nur zum Teil nach dem Kriterium der NĂ€he eines Versorgungsangebotes aus. Eine zunehmende Rolle spielen fĂŒr die Konsumenten der Angebotsmix (z. B. die Kombination von Einzelhandel, Kultur- und Freizeitangeboten), Sauberkeit, Sicherheit und Komfort des GĂŒterangebots sowie der Preis und die Spezialisierung eines Angebotes (Sortimentstiefe).[6] Daher sind die Konsumenten (insbesondere fĂŒr den Erwerb von Waren, die nicht der Deckung der Grundversorgung dienen) bereit, nicht nur das nĂ€chstgelegene Zentrum aufzusuchen, sondern darĂŒber hinaus weite Fahrten in Kauf zu nehmen (MobilitĂ€t). Diese Fahrten orientieren sich zum großen Teil nicht am System der zentralen Orte. Gerade in VerdichtungsrĂ€umen, in denen sich die Einzugsbereiche der Zentren und ihrer zentralörtlichen Einrichtungen komplex und funktionsteilig, jedoch kaum hierarchisch ĂŒberlagern, ist das System der zentralen Orte nicht geeignet, das reale Versorgungsverhalten der Bevölkerung zutreffend abzubilden.

Die Werte der EinzelhandelszentralitĂ€t liefern der Stadtplanung und Regionalplanung dennoch gewisse Anhaltspunkte fĂŒr Handlungsbedarf. Ferner prĂŒft der Einzelhandel (z. B. vor Realisierung von Agglomerationen oder Einkaufszentren) diese und andere Daten ebenfalls, um die wirtschaftliche TragfĂ€higkeit von VerkaufsflĂ€chen zu beurteilen (Standort-Rating der Lage).

In der politischen Netzwerkanalyse können durch den ZentralitÀtsgrad inhaltliche Positionen der Akteure analysierbar gemacht und Lagerbildung identifiziert werden.[7]

Einzelnachweise

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  1. ↑ Ludwig G. Poth/Marcus Pradel/Gudrun S. Poth, Gabler Kompakt-Lexikon Marketing, 2003, S. 583
  2. ↑ Willy Schneider/Alexander Hennig, Lexikon Kennzahlen fĂŒr Marketing und Vertrieb, 2008, S. 113
  3. ↑ Willy Schneider, Kompakt-Lexikon Handel, 2020, S. 37
  4. ↑ Werner Fuchs-Heinritz (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie, 1973, S. 772
  5. ↑ Andrea Ploder/Stephan Moebius, Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie, Band 2, 2017, S. 279
  6. ↑ Susanne Hoffmann, Demographischer Wandel und innerstĂ€dtische Einkaufszentren in Deutschland, 2017, S. 77
  7. ↑ Dana R. Fisher/Philip Leifeld: The polycentricity of climate policy blockage. In: Climatic Change. Band 155, Nr. 4, August 2019, ISSN 0165-0009, S. 469–487, doi:10.1007/s10584-019-02481-y (springer.com [abgerufen am 14. Juni 2022]).