Retoure

Retoure (französisch retour, âRĂŒckkehrâ, âWiederkehrâ; auch: WarenrĂŒcksendung oder RĂŒcklĂ€ufer) wird im Versandhandel die RĂŒcksendung von Waren vom Verbraucher an den VerkĂ€ufer genannt. Im Versandhandel kauft der Kunde âWare, die er nicht sieht, die er nicht fassen kann, von Leuten, die er nicht kenntâ.[1] Deshalb erfordert eine Bestellung ein VertrauensverhĂ€ltnis zwischen HĂ€ndler und Verbraucher, das durch eine RĂŒcksendemöglichkeit gestĂ€rkt werden kann.[2] Retoure ist im Online-Handel die vom Kunden an den Lieferanten zurĂŒckgesendete Ware.[3]
Die Motive fĂŒr Retouren sind vielfĂ€ltig; bei 51 % der Retouren entsprach die Ware nicht den Kundenerwartungen, in 24 % der FĂ€lle war die Ware beschĂ€digt, 20 % hatten mehrere Alternativen bestellt und 5 % unterlagen einem Impulskauf durch eine Werbeaktion.[4] Ziel des Verbrauchers bei Retouren ist entweder der Umtausch oder die RĂŒckerstattung des Kaufpreises. Da meist ein Kaufvertrag geschlossen wurde, ist bei der Retoure das Kaufrecht zu beachten, das eine RĂŒckgabe nicht in jedem Fall gestattet.
Untersuchungen der Forschungsgruppe Retourenmanagement[5] der Otto-Friedrich-UniversitĂ€t Bamberg legen auĂerdem nahe, dass besonders im deutschen Online-Handel hohe Retourenquoten durch einen ausgeprĂ€gten Wettbewerb zwischen den HĂ€ndlern begĂŒnstigt werden. Um fĂŒr Kunden attraktiv zu erscheinen, werden Retouren hier ĂŒberwiegend kostenfrei und bei groĂzĂŒgigen RĂŒckgabefristen erlaubt[6]. Auch die bei Kunden beliebte Zahlweise âKauf auf Rechnungâ erleichtert dabei den RĂŒckversand ohne aufwendige RĂŒckbuchungsforderungen[7].
Rechtsfragen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Verbrauchern in Deutschland steht bei FernabsatzvertrĂ€gen ein Widerrufsrecht gemÀà § 312g Abs. 1 BGB zu, wobei die Widerrufsfrist als Ausschlussfrist 14 Tage betrĂ€gt (§ 355 Abs. 2 BGB). Der Widerruf muss vor der RĂŒcksendung eindeutig erklĂ€rt werden (§ 355 Abs. 1 BGB), was per E-Mail, Fax oder Brief erfolgen kann (§ 356 Abs. 1 BGB). Die RĂŒckzahlung des Kaufpreises hat nach § 357 Abs. 3 BGB durch den VerkĂ€ufer ebenfalls innerhalb von 14 Tagen mit demselben Zahlungsmittel zu erfolgen, das auch der KĂ€ufer bei der Zahlung verwendet hat.
Der Verbraucher trĂ€gt nach § 357 Abs. 6 BGB die unmittelbaren Versandkosten der RĂŒcksendung der Waren, wenn der Unternehmer den Verbraucher von dieser Pflicht unterrichtet hat. Der Unternehmer kann sich aber auch bereiterklĂ€ren, diese Kosten zu ĂŒbernehmen (§ 357 Abs. 6 Satz 2 BGB). Der Verbraucher hat zudem Wertersatz fĂŒr einen Wertverlust der Ware zu leisten, wenn der Wertverlust auf einen Umgang mit den Waren zurĂŒckzufĂŒhren ist, der zur PrĂŒfung der Beschaffenheit, der Eigenschaften und der Funktionsweise der Waren nicht notwendig war und der Unternehmer den Verbraucher ĂŒber sein Widerrufsrecht unterrichtet hat (§ 357 Abs. 7 BGB).
Keine RĂŒcksendungsmöglichkeit gibt es gemÀà § 312g Abs. 2 Nr. 1â13 BGB insbesondere fĂŒr nach Kundenauftrag individuell angefertigte Waren, schnell verderbliche Waren mit kurzem Verfalldatum, Hygieneartikel mit nach der Ablieferung entfernter Versiegelung oder TontrĂ€ger (auch Software) mit nach der Ablieferung entfernter Versiegelung u. a. Da aber diese AufzĂ€hlung abschlieĂend ist, berechtigen hierin nicht aufgezĂ€hlte Motive fĂŒr die RĂŒcksendung wie Kaufreue (der KĂ€ufer braucht die Ware doch nicht) oder der rechtlich unbeachtliche Motivirrtum zur RĂŒckgabe.
Wirtschaftliche Aspekte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Retourenmanagement kennt vier Arten der Retouren. A-Retouren befinden sich in einem einwandfreien Zustand und lassen sich direkt weiterverkaufen, B-Retouren erfordern kleinere Reworks (etwa neue Verpackung), C-Retouren weisen gröĂere MĂ€ngel auf, die einen erneuten Vertrieb auf dem PrimĂ€rmarkt verhindern und deshalb auf dem SekundĂ€rmarkt als Retourenware angeboten werden. D-Retouren sind nicht mehr verĂ€uĂerbar und zu entsorgen.[8] Die Retourenabwicklung sorgt bei diesen Arten fĂŒr ihre entsprechende Zuordnung und Prozessierung.
Die Retourenquote gibt das VerhÀltnis zwischen retournierter Ware und dem gesamten Warenausgang an:[9]
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Die Retourenquote im gesamten deutschen Online-Handel liegt durchschnittlich bei 4 %; die Retourenquoten sind bei Kleidung/Schuhen (28,5 %, bei Damenoberbekleidung bis zu 70 %), Unterhaltungselektronik (15,6 %), HaushaltsgerĂ€ten (15,4 %), EDV-Artikeln (15,1 %) besonders hoch; es folgen BĂŒcher (13,4 %) und TontrĂ€ger (13,2 %).[10] Nach der Zahlungsart ist die Retourenquote bei âZahlung gegen Rechnungâ besonders hoch, bei Vorkasse am niedrigsten.[11]
- Reduzierung der Retourenquote
Da beispielsweise im Textilhandel Retouren von vorneherein vom Kunden einkalkuliert werden, lassen sich nicht alle RetourengrĂŒnde beseitigen. Es ist aber möglich, umfassende Produktbeschreibungen und Produktabbildungen zu veröffentlichen, damit sich die Kunden schon online umfassend informieren können. Zahlreiche Online-Shops bieten zusĂ€tzlich GröĂenberatungen oder Produktvideos an, damit die Kunden einen möglichst genauen Eindruck der Produkte erhalten. Die Retourenquote lĂ€sst sich auch dadurch reduzieren, dass die Online-HĂ€ndler darauf achten, stets richtige Bestellungen zu liefern. Dabei kann beispielsweise eine scannergestĂŒtzte Kommissionierung oder RFID-Technologie unterstĂŒtzen.
Retouren sind stets mit Kosten verbunden. Um diese zu reduzieren, bemĂŒhen sich Online-HĂ€ndler, Prozesse im Shop, im Lager und im Retourenmanagement zu vereinfachen und weitestgehend zu automatisieren. Dazu wird oft ein Warenwirtschaftssystem eingesetzt, das eng mit einem Onlineshop-System verzahnt ist. In manchen Shops erstellen und drucken die Kunden ihren Retourenschein selbst. Die Informationen werden an das Warenwirtschaftssystem ĂŒbermittelt, sodass die Informationen dort frĂŒhzeitig zur VerfĂŒgung stehen. Kommt die Ware im Lager an, wird durch einen einfachen Scan des Retourenscheins die Retoure der jeweiligen Lieferung zugeordnet. DarĂŒber hinaus werden Gutschriften automatisiert berechnet und automatisch dem Kunden gutgeschrieben â unter BerĂŒcksichtigung aller Rabatte und Codes, die der Kunde bei der Bestellung genutzt hat.
Retouren bei Lebensmitteln
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Insbesondere in BĂ€ckereien ist das Retourenmanagement ein wesentlicher Teil der Verkaufssteuerung. Da Frische hier zentrales QualitĂ€tskriterium ist, ist es notwendig, die Produktmengen, deren Verkauf im Laufe des Tages erwartet wird, tĂ€glich frisch zu produzieren. Die erwarteten UmsĂ€tze je Produkt werden anhand der UmsĂ€tze der Vergangenheit und ggf. vorliegender Festbestellungen geschĂ€tzt. Da die tatsĂ€chliche Verkaufsmenge im Vorhinein unbekannt ist, ist es betriebswirtschaftlich sinnvoll, eine Produktionsmenge in die Filialen zu liefern, die die vermutete Verkaufsmenge leicht ĂŒbersteigt. Es ergibt sich daher eine geplante Retourenquote. Da ein Weiterverkauf von einmal an die Filialen ausgelieferten Produkten nach Retoure aus HygienegrĂŒnden verboten ist, stellen die tatsĂ€chlichen Retouren einen Kostenbestandteil dar, der in die Kalkulation der Endpreise einflieĂt. Es ist allerdings kaufmĂ€nnisch nicht sinnvoll, eine zu niedrige Retourenquote einzuplanen, da die Verkaufsmenge durch den Umfang des Warenangebotes beeinflusst wird. Sind einzelne Produkte, insbesondere solche mit hohen UmsĂ€tzen wie Brot, ausverkauft, so sinkt auch der Umsatz der anderen Produkte (AngebotslĂŒcke). Um Retourenquoten zu senken, kann das Unternehmen die Filialen mehrfach am Tag beliefern. Auch ist die Produktion in Ăfen vor Ort fĂŒr die Spitzenlast geeignet, Retourenquoten zu senken.[12]
Als Retoure werden im BĂ€ckerhandwerk auch die bei Ladenschluss noch unverkauften ĂberbestĂ€nde an Backwaren bezeichnet.[13] Dabei handelt es sich jedoch nicht um Retouren im strengen Wortsinn, weil unverkauft gebliebene Waren nicht an den Verbraucher gelangen und deshalb von ihm auch nicht zurĂŒckgegeben werden können. Bei echten Retouren geht die Entscheidung zur RĂŒckgabe vom Verbraucher aus, bei Retouren im BĂ€ckereiwesen vom Handel und bei RĂŒckrufaktionen vom VerkĂ€ufer.
Statistik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Statista zufolge lag der Anteil der Personen in Europa, die in den vergangenen zwölf Monaten online bestellte Waren zurĂŒckgesendet haben, im Jahr 2018 mit 53 % in Deutschland am höchsten. Es folgten die Niederlande (52 %), Frankreich (45 %), Italien und Spanien (jeweils 43 %), Skandinavien (42 %), Vereinigtes Königreich (40 %), Belgien (38 %) und Polen (32 %).[14] Eine Studie des Branchenverbandes Bitkom ergab 2018, dass jeder achte Online-Einkauf in Deutschland wieder zurĂŒckgeschickt wird.[15] Die meisten Retouren bringt die Altersgruppe der 14- bis 29-JĂ€hrigen auf den Weg. Mehr als die HĂ€lfte der Online-EinkĂ€ufer (51 %) gibt auĂerdem an, Waren im Internet zumindest einmal oder gelegentlich auch schon mit der festen Absicht bestellt zu haben, diese wieder zurĂŒckzuschicken. 6 % tun dies regelmĂ€Ăig. Retouren bedeuten fĂŒr die Anbieter nicht nur einen entgangenen Umsatz und Gewinn, sie verursachen auch Personal- und Prozessierungskosten, etwa um die Retoure zu prĂŒfen und in den Lagerbestand zurĂŒckzufĂŒhren. GemÀà einer Verbraucherbefragung von PwC Deutschland (2013)[16] bestellt gut jeder dritte Online-Shopper im Internet zumindest gelegentlich Waren, die er aller Voraussicht nach wieder an den HĂ€ndler zurĂŒckschickt. Fast ein FĂŒnftel der KĂ€ufer tut dies sogar hĂ€ufig. Das kostenlose RĂŒckgaberecht â HĂ€ndler dĂŒrfen erst ab Juni 2014 bei einem Warenwert von ĂŒber 40 Euro eine RetourengebĂŒhr erheben â macht das Online-Shopping zwar fĂŒr viele Konsumenten besonders attraktiv, stellt aber fĂŒr den Internet-Handel eine erhebliche Kostenbelastung dar.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Detlef Spee/Stefanie BĂŒhner: Retourenmanagement â eine logistische Herausforderung. Theorie und Praxis zur Abwicklung von WarenrĂŒckgĂ€ngen. HUSS-Verlag, MĂŒnchen 2015, ISBN 978-3-944281-72-8.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (Hrsg.), Versandhandel in Deutschland â Eine Informationsschrift, 1988, S. 9
- â Björn H. Asdecker, Retourenmanagement im Versandhandel, 2014, S. 111.
- â Inga Pollmeier, Retourenmanagement im Distanzhandel, 2012, S. 30.
- â Internet World Business vom 4. MĂ€rz 2019, So viele Retouren verzeichnet der Online-Handel weltweit
- â Forschungsgruppe Retourenmanagement. Abgerufen am 12. September 2022.
- â Retouren im Online-Handel - Deutschland bleibt Retouren-Europameister. In: missing link. Abgerufen am 7. September 2022.
- â Onlineshopping - Jedes vierte Paket geht zurĂŒck. In: Zeit Online. 7. September 2022, abgerufen am 12. September 2022.
- â Björn H. Asdecker, Retourenmanagement im Versandhandel, 2014, S. 202
- â Willy Schneider/Alexander Hennig, Lexikon Kennzahlen fĂŒr Marketing und Vertrieb, 2008, S. 293
- â Deutsche Industrie- und Handelskammer (Hrsg.), 2010, S. 1
- â Björn H. Asdecker, Retourenmanagement im Versandhandel, 2014, S. 254
- â Claus SchĂŒnemann, Lernfelder der BĂ€ckerei und Konditorei -Verkauf-, 2006, ISBN 978-3-7734-0170-0, S. 228, online.
- â Allgemeine BĂ€cker-Zeitung vom 7. Mai 2016, Die hohe Kunst gekonnten Retouren-Managements
- â Statista, Anteil Personen in ausgewĂ€hlten LĂ€ndern in Europa, die in den vergangenen zwölf Monaten online bestellte Waren zurĂŒckgesendet haben im Jahr 2018, 2019
- â Teresa Tropf: Jeder achte Online-Kauf wird zurĂŒckgeschickt. In: www.bitkom.org. Bitkom, 27. Dezember 2018, abgerufen am 4. Januar 2019.
- â PwC Deutschland: Jeder dritte Online-Shopper plant RĂŒcksendung schon beim Kauf. Frankfurt am Main, 20. November 2013; abgerufen am 5. Januar 2014.