Zilli Reichmann
CĂ€cilie âZilliâ Reichmann, auch Zilli Schmidt (* 10. Juli 1924 in Hinternah; â 21. Oktober 2022 in Mannheim[1]), war eine deutsche Sinteza und Ăberlebende des Völkermordes an den Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten. Sie wurde zur Zeit des Nationalsozialismus im âZigeunerlagerâ, wie der Abschnitt B II e des Konzentrationslagers Auschwitz von den Nationalsozialisten bezeichnet wurde, im KZ RavensbrĂŒck und in einem AuĂenlager des KZ Sachsenhausen gefangengehalten.
Im Februar 1988 sagte sie vor dem Landgericht Siegen als Zeugin gegen den frĂŒheren SS-RottenfĂŒhrer Ernst-August König aus, der BlockfĂŒhrer in Auschwitz gewesen war. Im hohen Alter berichtete Zilli Reichmann als Zeitzeugin bei Veranstaltungen von Ausgrenzung und Verfolgung, ihren Aufenthalten in den verschiedenen Lagern sowie von ihrem Kampf um Wiedergutmachung fĂŒr das ihr zugefĂŒgte Leid.
Biographie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Familie und Jugend
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zilli Reichmann war eine Tochter von Berta âBatschkaâ Reichmann (* 1884) und Anton âJeweroâ Reichmann (* 1882). Sie hatte vier Geschwister: zwei Schwestern, Hulda (* 1911) und Anna, genannt âGuckiâ (* 1916), sowie zwei BrĂŒder, Stefan, genannt âStiftoâ (* 1907), und Otto, genannt âHessoâ (* 1926). Die Eltern waren als Schausteller, Musiker und Hausierer auf Wanderschaft unterwegs und betrieben ein Wanderkino. Der Vater war zudem ein gefragter Handwerker, der Bruder Stefan handelte mit Geigen. Der Wohnwagen der Familie wurde von einem Lanz Bulldog gezogen, was darauf hinweist, dass die Reichmanns gut gestellt waren.[2]
Die Familie war katholisch und gehörte zu den Lalleri, einer ursprĂŒnglich in SĂŒdosteuropa, vor allem in Böhmen und MĂ€hren beheimateten Teilminderheit der Roma.[3] Sie war vorwiegend in Böhmen, ThĂŒringen, Sachsen und Bayern unterwegs.[4]
Als Kind sprach Zilli Reichmann nur Romanes. Bis zum Alter von 14 Jahren besuchte sie Schulen, wenn auch aufgrund der Wanderschaft viele verschiedene. Ihr letzter Schulbesuch war 1938 in Ingolstadt, wo sie engen Kontakt zu einer Nonne hatte. Als diese als Missionarin nach Afrika ging, wollte Zilli Reichmann mit ihr gehen.[4]
Mit 15 Jahren wurde Zilli Reichmann schwanger und brachte am 6. Mai 1940 in Eger eine Tochter zur Welt. Sie erhielt den Namen Ursula Josefine und wurde âGretelâ genannt. Ihr Vater war Moritz Blum, der einer befreundeten Familie angehörte; das Paar blieb nicht zusammen. Moritz Blum ging ins Ausland und schickte ein Telegramm an Zilli Reichmann, sie solle ihm folgen, was sie aber nicht wollte.[5]
Die Familie Reichmann musste sich â wie viele andere Sinti auch â von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Rassenhygienischen Forschungsstelle untersuchen und vermessen lassen, um unter anderem festzustellen, ob sie âgemischt-â oder âreinrassigâ seien. Die Forschungsleiterin war Eva Justin, die von den Betroffenen Loli Tschai (ârotesâ oder âböses MĂ€dchenâ) genannt wurde. Die Ergebnisse bezĂŒglich der Familie Reichmann sind nicht erhalten.[6]
Ausgrenzung und Deportation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Ab Mitte der 1930er Jahre begann das NS-Regime mit der organisierten Verfolgung von âZigeunernâ, im Jahr 1938 wurde die Reichszentrale zur BekĂ€mpfung des Zigeunerunwesens eingerichtet. Mit dem Auschwitz-Erlass vom 16. Dezember 1942 ordnete Heinrich Himmler die Deportation aller im nationalsozialistischen Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma an.
Der Familie Reichmann gelang es zunĂ€chst, verschont zu bleiben, indem sie hĂ€ufig ihren Aufenthaltsort wechselte, um Polizei und Behörden zu entgehen. Stefan Reichmann wurde zur Wehrmacht einberufen, was in der Familie die Hoffnung weckte, âZigeunerâ wĂŒrden als âvollwertige Deutscheâ anerkannt. Zilli musste aber 1938 die Schule in Ingolstadt verlassen, wo die Familie Freundschaft mit der Familie Traber geschlossen hatte. Die Reichmanns zogen in das Sudetenland, das aber gemÀà dem MĂŒnchner Abkommen ab Oktober 1938 zum Deutschen Reich gehörte. Nach den nun dort herrschenden Vorschriften hĂ€tte die Familie eigentlich nicht ihren behördlich festgesetzten Aufenthaltsort Eger verlassen dĂŒrfen.[7]
Nach dem Waffenstillstand mit Frankreich am 22. Juni 1940 zog die Familie dorthin, weil sie hoffte, dass die Ăberwachung in den besetzten Gebieten nicht so engmaschig wĂ€re; Stefan Reichmann war zudem in Frankreich stationiert. 1941 oder 1942 hielten sich die Reichmanns in Metz auf. Von dort aus fuhr Zilli Reichmann mit ihren Cousinen Katharina und Else nach StraĂburg, wo sie bei einer Frau wohnten, die im Widerstand aktiv war. Diese Frau bot an, die gesamte Familie auf dem Schiff ihres Sohnes in das bislang nicht besetzte SĂŒdfrankreich zu schmuggeln, doch die Eltern lehnten ab. Zilli Reichmann: âWir wĂ€ren gerettet gewesen!â
Bei einer Razzia am 8. Juni 1942 wurden die drei MĂ€dchen verhaftet.[8] Ăber mehrere Stationen wurde Zilli Reichmann in das KZ Lety bei PĂsek transportiert. Von dort gelang ihr mit weiteren Verwandten Anfang 1943 die Flucht nach Eger, wo sie aber erneut verhaftet wurde. Sie kam in das berĂŒchtigte GefĂ€ngnis PankrĂĄc in Prag. Zur gleichen Zeit waren dort ĂŒberlebende Einwohner des Ortes Lidice inhaftiert, deren Heimatort in Vergeltung des Attentats auf Reinhard Heydrich zerstört worden war.[8]
Am 11. MĂ€rz 1943 wurde Zilli Reichmann mit einer Gruppe weiterer Frauen und MĂ€nner in das sogenannte Zigeunerlager im KZ Auschwitz-Birkenau deportiert, in Sichtweite der Krematorien. Bei ihrer Ankunft musste sie sich vor SS-MĂ€nnern nackt ausziehen, die Haare wurden ihr abgeschnitten und die Zahl âZ1959â auf den Arm tĂ€towiert. Rund ein halbes Jahr spĂ€ter wurden auch ihr Vater, ihre Mutter, ihre Tochter sowie ihr Bruder Otto und ihre Schwester âGuckiâ mit ihren sieben Kindern in Auschwitz eingeliefert. Ihre Schwester Hulda war inzwischen verstorben. âGuckiâ hatte kurz vor ihrer Deportation noch einen kleinen Jungen geboren: Der SĂ€ugling wurde ihr aus Eger in einem Paket nachgeschickt und kam tot an.
Am 17. MĂ€rz 1943 wurde auch Zillis Bruder Stefan nach Auschwitz deportiert, noch in Wehrmachtsuniform und mehrfach ausgezeichnet. Er wurde spĂ€ter in das Stammlager des KZ Auschwitz verlegt, zwangssterilisiert und nach Eger entlassen.[9] Im Lager durften die Familien zusammen bleiben, die Sinti durften ihre Instrumente behalten und mussten als Kapelle fĂŒr die SS spielen; auch eine FuĂballmannschaft wurde aufgestellt.[10] Zilli Reichmann arbeitete in verschiedenen Bereichen wie dem Kindergarten, in der KĂŒche, in der Schreibstube und der Bekleidungskammer. Durch ein Loch in der Barackenwand beobachtete sie Hinrichtungen der Politischen Abteilung. WĂ€hrend ihres Aufenthalts im KZ wurde sie von dem Arzt Josef Mengele untersucht, der ein besonderes Interesse an ihr zeigte.[11]
In einem Interview mit dem Deutschlandfunk aus dem Jahre 2019 erzĂ€hlte Zilli Reichmann: âIch habe geklaut wie ein Rabe, aber nicht von dem Mund von den Menschen, in der KĂŒche, in der Bekleidungskammer, Magazin, alles, wo Du nur denken kannst, hat die Zilli geklaut âŠ.â Sie lernte den LagerĂ€ltesten Hermann Dimanski kennen, einen Kommunisten und SpanienkĂ€mpfer. Mit der Billigung ihrer Mutter begann sie ein VerhĂ€ltnis mit ihm. Von diesem Zeitpunkt an musste sie nicht mehr stehlen, da Dimanski sie unterstĂŒtzte. Zweimal strich er Zilli von der Liste zur Vergasung, an ihrer Stelle wurden vermutlich andere Frauen getötet. âDas Zigeunerlager, das war gar nicht weit weg von der Gaskammer. Mein Kind kam immer zu mir: ââMama, Mama, da hinten werden die Menschen verbrannt.â Habe ich gesagt: âNein âŠ, da backen sie Brot.â âNein, Mama, da tun die Menschen reinââ, die hat das gewusst. Mit vier, fĂŒnf Jahren.â[12]
Vermutlich im April 1944 fiel die Entscheidung, die rund 6000 Insassinnen und Insassen des Zigeunerlagers zu ermorden, âum Platz zu schaffenâ. Ein erster Versuch des Transports zu den Gaskammern am 16. Mai scheiterte am Widerstand der Betroffenen. Zilli Reichmann wurde am 2. August zusammen mit ihrer Cousine Tilla in das KZ RavensbrĂŒck verlegt, nicht zuletzt, weil Mengele ihr eine Ohrfeige gab, damit sie zurĂŒck in den Waggon sprang, nachdem sie schon wieder herausgesprungen war; so verdankte sie ihm ihr Leben.
In der folgenden Nacht wurden ihre Eltern, ihre Schwester âGuckiâ und deren sieben Kinder sowie Zilli Reichmanns vierjĂ€hrige Tochter Gretel mit rund 3000 weiteren Menschen vergast, darunter zahlreiche Verwandte und Bekannte von Zilli Reichmann. Ihre beiden BrĂŒder Otto und Stefan ĂŒberlebten, weil sie wie Zilli Stunden zuvor in ein Arbeitslager verlegt worden waren.[13] Auch die Cousine Katharina StrauĂ ĂŒberlebte das Kriegsende, ihre Eltern und ihre Schwester Maria mit ihren Kindern wurden ebenfalls in Auschwitz-Birkenau ermordet.[14]
Ab dem 3. August 1944 befand sich Zilli Reichmann im KZ RavensbrĂŒck, anschlieĂend wurde sie in ein AuĂenlager des KZ Sachsenhausen verlegt. Dort wurde sie als Zwangsarbeiterin bei den Arado Flugzeugwerken in Wittenberg eingesetzt, wo sie Bleche drehen musste. Am 24. Februar 1945 gelang Zilli und ihrer Cousine Tilla mit Hilfe eines Zivilarbeiters, der ihnen zuvor schon Essen zugesteckt hatte, die Flucht.[15] Sie flohen nach Berlin, wo ein Onkel von Zilli lebte, und auf Umwegen zurĂŒck nach Eger, wo Zillis Bruder Stefan inzwischen wieder lebte.[16]
Kampf um Wiedergutmachung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Infolge der Lagerhaft erkrankte Zilli Reichmann an Tuberkulose. 1948 heiratete sie Anton Schmidt âauf Zigeunerartâ, also ohne Standesamt. Anton Schmidt hatte eine Haft im KZ Neuengamme ĂŒberlebt. Er war Berufsmusiker â ein Zymbalist â und spielte in der Gruppe Romano. Zilli arbeitete fĂŒr die Musiker als Kassiererin und verkaufte zudem als Hausiererin Perserteppiche.[17]
Voneinander getrennt mussten drei AntrĂ€ge auf EntschĂ€digung gestellt werden: zum âSchaden an Freiheitâ, zum âSchaden an Körper und Gesundheitâ und zum âSchaden am beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommenâ. 1953 stellte Zilli Reichmann einen Antrag auf Wiedergutmachung wegen der von ihr erlittenen Haft, also zum âSchaden an Freiheitâ. Dieser wurde abgelehnt, da Himmlers Deportationserlasse aus dem Jahre 1942 sich auf âZigeunermischlingeâ und âRom-Zigeunerâ bezogen hĂ€tten. Sie sei nicht aus rassischen GrĂŒnden verhaftet worden, da sie âreinrassigâ sei. Diese BegrĂŒndung implizierte, Zilli Reichmann sei inhaftiert worden, weil sie kriminell oder âarbeitsscheuâ gewesen sei, eine EinschĂ€tzung, die der Bundesgerichtshof (BGH) im Jahre 1956 in einem Grundsatzurteil bestĂ€tigte. âZigeunerâ seien, nach Ansicht der Bundesrichter, schon vor der Zeit des Nationalsozialismus âallgemein von der Bevölkerung als Landplage empfundenâ worden. Der Verhaftungsgrund sei deshalb nicht gewesen, âZigeuner gerade wegen ihrer Rasse zu verfolgen, sondern die ĂŒbrige Gesellschaft vor ihren sozialschĂ€dlichen, auf eigentĂŒmlichen Gruppeneigenschaften beruhenden Handlungen zu schĂŒtzenâ[18].
Die EntschĂ€digungsstelle forderte einen Strafregisterauszug an, und Zilli Reichmann musste zahlreiche Unterlagen beibringen, wie etwa Nachweise ĂŒber ihre Wohnsitze und ihren Aufenthalt in Auschwitz. Es wurde das Bayerische Landeskriminalamt eingeschaltet: ZustĂ€ndig war ein Beamter, der vor 1945 an den Deportationen beteiligt gewesen war und sich in seinen Stellungnahmen einer nationalsozialistisch geprĂ€gten Sprache bediente. So sei es das âgemeinschaftswidrige Verhalten der Landfahrerâ, das die Behörden âzwingeâ, sie in Lagern unterzubringen.
Ein weiterer Beamter, ebenfalls vor 1945 an der Verfolgung von Sinti und Roma beteiligt, bezog sich auf die âRassendiagnoseâ von 1941, in der es hieĂ, dass die âZigeunerâ âbestimmte rassische Merkmale mit den Juden gemeinsamâ hĂ€tten. âZigeunerische Personenâ seien wĂ€hrend der NS-Zeit wegen ihrer âteils asozialen, teils kriminellen Lebensweiseâ in KZs in Vorbeugehaft genommen worden. âEine rassische Verfolgung schlechthin muss aber im Gegensatz zu der Judenverfolgung verneint werden.â[19] AbschlieĂend wurde konstatiert, es stehe âeinwandfreiâ fest, dass Zilli Reichmann im Mai 1942 als âStreunerin bzw. Arbeitsscheueâ und damit âAsozialeâ inhaftiert worden sei.[20]
Zilli Reichmann bekam eine EntschĂ€digungssumme von 3900 Mark zugesprochen, 150 Mark pro Monat Gefangenschaft. Dagegen klagte sie und bekam per Urteil eine Nachzahlung von 750 Mark zugesprochen; dieser Bescheid wurde vom Oberlandesgericht MĂŒnchen nach einem Einspruch des LandesentschĂ€digungsamtes mit Berufung auf die Rechtsprechung des BGH aus dem Jahre 1956 aufgehoben. FĂŒnf Jahre spĂ€ter revidierte der BGH seine EinschĂ€tzung, woraufhin Zilli Reichmann eine Nachzahlung von 1200 Mark erhielt sowie eine zusĂ€tzliche KapitalentschĂ€digung von 6000 Mark. Eine EntschĂ€digung in Sachen ihrer Tochter wurde indes abgelehnt, da sich das Kind nie in den Grenzen des Deutschen Reichs aufgehalten habe. Zilli Reichmann: âDeutsche durften Gretel umbringen, aber fĂŒr eine EntschĂ€digung waren sie nicht zustĂ€ndig.â[21]
Das Verfahren wegen âSchaden an Körper und Gesundheitâ zog sich von 1956 bis 1968 hin. Zilli Reichmann litt aufgrund von Verfolgung und Inhaftierung an zahlreichen chronischen Beschwerden wie Depressionen, Ischialgien und Magenbeschwerden, was ihr in mehreren Gutachten bescheinigt wurde. Erneut wurde ein Auszug aus dem Strafregister eingeholt. SchlieĂlich schlug ihr die EntschĂ€digungsstelle einen Vergleich vor auf der Basis einer Mindestrente von 159 Mark; rĂŒckwirkend bekam sie eine Zahlung in Höhe von 22.162 Mark. Das Verfahren wegen des âSchadens am beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommenâ wurde 1969 abschlĂ€gig beschieden, indem ihre Mitarbeit im Familienunternehmen bezweifelt wurde â es habe sich lediglich um eine âgelegentliche und unbedeutende Mitarbeitâ gehandelt.[22] Zilli Reichmanns Ehemann Anton musste bei seinen AntrĂ€gen mit Ă€hnlichen WiderstĂ€nden kĂ€mpfen.
SpÀte Jahre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zilli Reichmann und Anton Schmidt lebten zunĂ€chst in Ludwigshafen, spĂ€ter in Mannheim. 1970 bezogen sie auf Dauer eine Wohnung. Am 30. MĂ€rz 1973 heiratete das Paar standesamtlich. Anton Schmidt starb 1989. Zilli Schmidt lebte ab 2009 wieder in Mannheim,[12] nachdem sie nach dem Tod ihres Mannes zunĂ€chst in die NĂ€he ihres Bruders Otto nach MĂŒlheim gezogen war. Mit ihrer Familie war sie noch hĂ€ufig im Wohnwagen unterwegs.[23]
Im Alter von ĂŒber 90 Jahren entschloss sich Zilli Schmidt, als Zeitzeugin bei Veranstaltungen von ihrem Leben zu berichten.[24][25] 2016 erschien das Buch Die Akte Zilli Reichmann, das ihre Biographie sowie die Ausgrenzung und Verfolgung von Sinti und Roma darstellt. Im Dezember 2020 wurde der sechsminĂŒtige Animationsfilm Die bringen nur die Verbrecher weg veröffentlicht, in dem Zilli Schmidt von der Ermordung ihrer Familie berichtet.[26] Der Titel des Kurzfilms basiert auf einer Aussage ihres Vaters, der wĂ€hrend der ersten Jahre unter Adolf Hitler davon ĂŒberzeugt war, dass die Nationalsozialisten nur Verbrecher verhaften wĂŒrden.[27] 2022 starb sie im Alter von 98 Jahren in Mannheim.
Zeugin vor Gericht
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Von 1987 bis 1991 fand vor dem Landgericht Siegen ein Verfahren gegen den frĂŒheren SS-RottenfĂŒhrer Ernst-August König statt, der im âZigeunerlagerâ BlockfĂŒhrer gewesen war. In diesem Prozess trat Zilli Reichmann am 23. Februar 1988 als Zeugin auf, ihr Ehemann Anton Schmidt war als ihr Beistand dabei: âIch hatte Angst, hierher zu kommen.â Sie erkannte den Angeklagten, wie sie sagte, âan seinem Blickâ. So berichtete sie unter anderem, dass König eine Vorliebe fĂŒr eine Frau im âZigeunerlagerâ gehabt und auf diese geschossen habe, als er sie durch ein Fenster auf dem Bett eines anderen Mannes habe sitzen sehen. Wenige Tage spĂ€ter sei diese Frau im Krankenbau gestorben. WĂ€hrend ihrer Aussage brach sie immer wieder in TrĂ€nen aus; die Sitzung musste mehrfach unterbrochen werden. Die Verteidiger von König versuchten wiederholt, sie aus dem Konzept zu bringen und ihr Erinnerungsvermögen in Zweifel zu ziehen. Hinter ihr im Gerichtssaal saĂen Studenten, die am Ende ihrer Aussage ebenfalls weinten.[28]
Zilli Reichmann war nicht die einzige Zeugin aus der Gruppe der Sinti und Roma in diesem Prozess. Bei vielen ihrer Aussagen kam es zu Unterbrechungen, weil etwa Zeugen in TrĂ€nen ausbrachen, plötzlich aus dem Gerichtssaal stĂŒrmten oder sich weigerten, die Fragen der Verteidiger zu beantworten. Viele von ihnen zeigten deutliche Angst vor dem Angeklagten. König wurde wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt und beging noch 1991 Suizid.[29]
Ehrungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im April 2021 verlieh ihr BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier fĂŒr ihr Engagement als Zeitzeugin das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.[30]
Am 20. September 2021 erhielt sie den Kultur- und Ehrenpreis der Sinti und Roma in der Sparte Kultur.[31]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Heiko Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. Zur Geschichte der Sinti im 20. Jahrhundert. S. Fischer, Frankfurt (Main) 2016, ISBN 978-3-10-397210-8 (358Â S.).
- Gott hat mit mir etwas vorgehabt! Erinnerungen einer deutschen Sinteza. Hrsg.: Jana Mechelhoff-Herezi, Uwe NeumĂ€rker. Stiftung Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas, Berlin 2020, ISBN 978-3-942240-36-9 (175 S.).
- englische Ausgabe: God Had Something in Store for Me. Memories of a German Sintezza, published by Jana Mechelhoff-Herezi and Uwe NeumÀrker, Berlin 2021, ISBN 978-3-942240-37-6.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- RĂŒdiger Benninghaus: Zigeuner in den Konzentrationslagern Lety und HodonĂn (u KunĆĄtĂĄtu) in Tschechien mit Geburtsorten in Deutschland. (PDF; 212 kB) In: gypsy-research.org. 16. September 2017.
- Die Ăberlebende Zilli Reichmann ist 95 Jahre alt! Stiftung Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas, 10. Juli 2019.
- Ernst-Ludwig von Aster: Zilli Reichmann ĂŒberlebte Auschwitz. (mp3-Audio; 17,8 MB; 19:11 Minuten) In: WDR-5-Sendung âNeugier genĂŒgtâ. 23. Dezember 2019.
- Ernst-Ludwig von Aster: Das Ende vom âZigeunerlager Auschwitzâ â Massenmord im August 1944. (mp3-Audio; 26,3 MB; 28:44 Minuten) In: Deutschlandfunk-Kultur-Sendung âDie Reportageâ. 28. Juli 2019.
- Jana Mechelhoff-Herezi: ZeitzeugengesprĂ€ch mit Zilli Reichmann: Eine Veranstaltung der Stiftung Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas im Rahmen von ROMADAY 2019 auf YouTube. 17. Juli 2019 (Video; 72:27 Minuten).
- Andreas Wang: Sinti im 20. Jahrhundert: Die Ausgrenzer blieben im Dienst â Polizeiliche Registrierung Zillis Reichmanns nach ihrer Verhaftung in StraĂburg am 8. Juni 1942. In: FAZ.net. 6. MĂ€rz 2017.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Mannheim: Holocaust-Ăberlebende Zilli Schmidt ist tot. In: swr.de. 21. Oktober 2022, abgerufen am 21. Oktober 2022.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 43â44.
- â Karola Fings, Ulrich F. Opfermann: Lalleri. In: romarchive.eu. 2018, abgerufen am 19. Juli 2020.
- 1 2 Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 46â47.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 56â57.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 76.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 93â94.
- 1 2 Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 94â95.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 107â117.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 122.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 166â167.
- 1 2 Ernst-Ludwig von Aster: Zilli Reichmann ĂŒber den Holocaust an Sinti und Roma â Gegen den Albtraum gibt es kein Mittel. In: Deutschlandfunk-Kultur-Sendung âStudio 9â. 2. August 2019, abgerufen am 17. Juli 2020 (auch als mp3-Audio; 5 MB; 5:24 Minuten).
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 172â173.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 121.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 187â188.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 188â189.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 193â194.
- â BGH, U. v. 7.1.1956 â IV ZR 273/55
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 205â206.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 214â215.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 215â216.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 219â220.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 232â233.
- â Ernst-Ludwig von Aster: Das Ende vom âZigeunerlager Auschwitzâ â Massenmord im August 1944. In: Deutschlandfunk-Kultur-Sendung âDie Reportageâ. 28. Juli 2019, abgerufen am 18. Juli 2020 (auch als mp3-Audio; 26,3 MB; 28:44 Minuten).
- â Susann von Lojewski: Sinti Zilli Schmidt: Holocaust ĂŒberlebt, âdamit ich bezeugeâ. In: zdf.de. 2. August 2020, abgerufen am 22. Oktober 2022.
- â Sarah Friedrich: »Die bringen nur die Verbrecher weg«. In: Stiftung Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas. 16. Dezember 2020, abgerufen am 24. Oktober 2022 (deutsch).
- â Dinah Riese: Zilli Schmidt ist tot: âBis ich meine Augen zumachâ. In: Die Tageszeitung: taz. 23. Oktober 2022, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 24. Oktober 2022]).
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 241.
- â Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. S. 242â243.
- â Zilli Schmidt wird fĂŒr ihr Engagement als Zeitzeugin ausgezeichnet. In: juedische-allgemeine.de. 8. April 2021, abgerufen am 24. September 2021.
- â Kultur- und Ehrenpreis: Sinti und Roma ehren Holocaust-Ăberlebende. In: swr.de. 21. September 2021, abgerufen am 24. September 2021.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Reichmann, Zilli |
| ALTERNATIVNAMEN | Reichmann, CĂ€cilie; Schmidt, Zilli |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Sinteza und Ăberlebende des Holocaust |
| GEBURTSDATUM | 10. Juli 1924 |
| GEBURTSORT | Hinternah |
| STERBEDATUM | 21. Oktober 2022 |
| STERBEORT | Mannheim |