Zoroastrismus


Der Zoroastrismus bzw. Zarathustrismus (auch: Mazdaismus oder Parsismus sowie zoroastrische Religion und Zoroastrianismus) ist eine Religion, die von Zarathustra gestiftet wurde. Der Begriff wurde vermutlich erst im 19. Jahrhundert n. Chr. gebräuchlich. Die heutigen Anhänger des Zoroastrismus werden Zoroastrier (nach Zoroaster, der griechischen Form von Zarathustra) oder Zarathustrier genannt. Die Religion Zarathustras, die auf sehr alten indoiranischen Traditionen und Überlieferungen fußt, entstand zwischen 1800 und 600 v. Chr. Ihre Herkunft ist umstritten. Sie breitete sich etwa vom 7. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. im iranischen Kulturraum (vom östlichen Kleinasien und Mesopotamien über Persien bis Zentralasien) aus. In der Spätantike war unter der Dynastie der Sassaniden die zurvanistische Variante des Zoroastrismus weit verbreitet, in der der gute und der böse Geist als Kinder der „unendlichen Zeit“ (Zurvan/Zervan, Neupersisch Zaman) galten.
Im Zentrum der Religion Zarathustras steht der Schöpfergott Ahura Mazda (mittelpersisch Ohrmazd). Er wird begleitet von den Amescha Spenta (die Wohltätigen Unsterblichen) sowie von seinem Widersacher, dem Herrscher über die Daeva, Angra Mainyu (mittelpersisch Ahriman). Gottesbilder sind dem Zoroastrismus fremd. Er kennt Feuertempel, in denen ein ständig brennendes Feuer als heilige Flamme gehütet wird, das als Symbol der Gottheit und der vollkommenen Reinheit gilt.
Der Zoroastrismus basiert auf den sehr alten mündlichen Überlieferungen der heiligen Schrift Avesta. Die schriftliche Fixierung erfolgte zur Zeit des Sassanidenreichs. Die ältesten überlieferten Manuskripte des Avestas sind in avestischer und mittelpersischer Sprache geschrieben und stammen aus dem 9. und 10. Jahrhundert n. Chr. Manche enthalten Interpretationen, Übersetzungen und Kommentare. Bekannte Zusammenstellungen des Avestas und seiner Exegese sind der Denkard als bedeutende Sammlung von älteren Quellen, das ältere Bundahischn, das die ursprüngliche Schöpfung behandelt, und das Rechtsbuch Madayan-i Hazar Dadestan.
Bis ins späte 1. Jahrtausend n. Chr. war die Religion des Zarathustra eine Weltreligion mit Millionen Anhängern. Heute geht man weltweit von etwa 130.000 Anhängern aus. Größere Gemeinden leben in Indien, Iran und den USA. Die heutigen Anhänger in Indien nennen sich Parsen.
Bezeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Religion Zarathustras hat im Lauf ihrer jahrtausendealten Geschichte mehrere Selbstbezeichnungen geführt, die auf verschiedene religionsgeschichtliche Situationen hinweisen. Für die älteste Phase der Geschichte ist kein Fachbegriff (Terminus) überliefert, mit dem sich die Anhänger von anderen Religionen unterschieden haben. Erst mehrere Jahrhunderte später, in einer zweiten Phase, scheint sich eine Begrifflichkeit herausgebildet zu haben. Die Autoren der avestischen Ritualtexte benutzen für einen Anhänger ihrer religiösen Praxis die Bezeichnung „derjenige, dessen rituelle Verehrung sich an Mazda richtet“, „Mazdaverehrer“ (avestisch mazdaiiasna-). In den religiösen Schriften späterer Zeit wird diese Formulierung aufgegriffen, wenn die Autoren auf die „mazdaverehrende Religion“ oder die „Religion der Mazdaverehrer“ verweisen. Sie sprechen von der „guten“, der „wahren“ oder der „reinen“ Religion.[3]
Die meisten Anhänger der ursprünglich iranischen „mazdaverehrenden Religion“ leben heute in Indien. Sie bezeichnen ihre Religion als „Zoroastrismus“ und nennen sich Parsen. Der Begriff des Zoroastrismus wurde vermutlich erst im 19. Jahrhundert gebräuchlich. Er geht auf die wichtigste griechische Namensform (griechisch Ζωροάστρης Zōroástrēs) des sehr alten Eigennamens (avestisch Zaraθuštra)[4] zurück.[3] Der persische Name des Gründers der Religion lautet Zardoscht.
In den Vereinigten Staaten gibt es seit einigen Jahren organisierte Versuche zur Einführung einer neuen Terminologie. Die Anhänger der Religion Zarathustras werden demnach, indem sie sich auf den persischen Namen von Zarathustra berufen, als „Zartoshtis“ und die Religion selbst als „Zartoshti Din“ bezeichnet.[3]
Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Rückgrat des Zoroastrismus ist seine heilige Schrift, das Avesta. Die ältesten Teile wurden über mindestens 1000 Jahre mündlich überliefert, bevor ältere und jüngere Texte in der Zeit des Sassanidenreichs schriftlich fixiert wurden. Das Avesta ist eine Sammlung von Zeremonien, die von Wissenschaftlern im 19. Jahrhundert n. Chr. in Bücher unterteilt wurde.[5][6]
Die ältesten überlieferten Manuskripte des Avestas stammen aus dem 9. und 10. Jahrhundert n. Chr. Da die Manuskripte oftmals auch eine Interpretation, Übersetzungen und Kommentare in mittelpersischer Sprache enthalten, werden sie Pahlavi-Texte genannt. Es wird unterschieden zwischen dem ursprünglichen mündlichen Avesta, den reinen Texten (sǎda, französisch sadés, englisch pure) in avestischer Sprache, und seinen mittelpersischen Erweiterungen.[7] Bedeutende Pahlavi-Texte sind die Sammlung von älteren Quellen, der Denkard, die Schöpfungsgeschichte, das Bundahischn, und das Rechtsbuch Madayan-i Hazar Dadestan.[8][9]
Lehre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Glaubensbekenntnis
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Die heilige Schrift der Anhänger von Zarathustra ist das Avesta, dessen Schriften zu den ältesten religiösen Texten der Menschheit gehören. In der Forschung wird das Kapitel 12 des ersten Buchs des Avesta (Yasna) oft als Glaubensbekenntnis der Mazdaverehrer bezeichnet. Es gehört zum jüngeren Teil des Avesta. Die Begriffsreihe im ersten Vers – „Mazdaverehrer“, „Zarasthuraanhänger“, „Dämonenzurückweiser“, „Anhänger der Lehre der Ahuras“ – bildet eine theologische Einheit.[10] Im Zentrum stehen die guten Gedanken, Worte und Werke des Gläubigen.
„Als Mazdahanbeter [Mazdaanbeter], als Zarathustraanhänger will ich das Glaubensgelübde ablegen, (der) sich dem Glauben angelobt, zum Glaube bekannt hat. Ich schwöre mich ein auf den gutgedachten Gedanken, Ich schwöre mich ein auf das gutgesprochene Wort, Ich schwöre mich ein auf die gutgetane Handlung.“
Die Frommen oder Gläubigen, die sich für das Gute, und die Götzendiener, die sich für das Böse entschieden haben, stehen sich widerstreitend gegenüber. Letztere werden mit verschiedensten Ausdrücken bezeichnet, wie das Beispiel bei der Ablehnung des Opfers durch Anahita zeigt:
„Nicht erscheine ich [die Gottheit Anahita] bei solchen opfern, welche mir zu ehren blinde, taube, verrückte, blödsinnige, knicker, schreier und mit solchen malen behaftete, die nach aller aussage nicht für gesund gelten, verzehren. Nicht sollen von diesem meinem opfer essen streitsüchtige und lästerer noch verrückte und zahnlose.“
Die Činvat-Brücke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Tod gelangen die Seelen an die Činvat-Brücke, die die Welt der Lebenden von den Toten trennt und wo die Seelen gerichtet werden. Der Übergang ist in den Büchern des Yasna[13] und Vendidâd beschrieben.
„27. 0 Schöpfer (der stofflichen Welt, ašaehrwürdiger!) Wo finden die Buchungen statt, wo werden die Buchungen (mit einander) verglichen, wo werden die Buchungen zum Abschluß gebracht, wo werden die Buchungen gegen einander abgerechnet, (die) der Mensch im stofflichen Leben für seine Seele veranlaßt'?
28. Da sagte Ahura Mazdǎh: ‚Drauf (wenn) der Mensch gestorben, drauf (wenns) mit dem Menschen zu Ende gegangen ist, drauf … die druggläubigen arglistigen Daěva’s. Aufleuchtet in der dritten Nacht, aufflammt die Morgenröte; die das Behagen des Aša gewährenden Gebirge ersteigt der gutbewaffnete Mithra; die Sonne geht auf.‘
29. Der Daěva Vizaresha mit Namen, o Spitama Zarathuštra, führt die Seele der druggläubigen daěvaanbetenden … Menschen gebunden fort; er kommt zu dem von Zrvan geschaffenen Pfad – der für den Druggläubigen und der für den Ašagläubigen (bestimmt ist) –, zu der mazdǎhgeschaffenen Činvat-Brücke; Wahrnehmungskraft und Seele befragen sie nach dem Anteil an Hab und Gut, (der dem Verstorbenen) in dem stofflichen Dasein verliehen (war).
30. Jenes schöngeschaffene tüchtige wohlgewachsene (Mädchen) stellt sich ein, mit den beiden Hunden, …, mit einem Strick versehen, die gewandte kunstfertige. ‹Die zerrt der Druggläubigen schlechte Seelen in die Finsternis hinab›. Die bringt die Seelen der Ašagerechten – über die hohe Harǎ kommt sie heran – über die Činvat-Brücke hinüber zum Uferdamm der geistigen Yazata’s.“
Die Zweiteilung der Welt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Welt teilt sich nach zoroastrischer Vorstellung in ein Reich des Lichtes, in dem auf alle Ewigkeit Ahura Mazda (Ohrmazd), der Herr der Weisheit wohnt, und einen Abgrund der Finsternis, der seinen Widersacher Ahriman, die Macht der Negation, der Zerstörung und des Todes verbirgt. Zwischen dem Herrn des Lichtes und jenem der Finsternis tobt dieser Kampf, dessen Schauplatz die Erde ist. Ein Kampf, der so lange andauert, bis Ahura Mazda die dämonischen Gegenmächte in ihren Abgrund zurückgestoßen haben wird. In zoroastrischen Texten wird das Ende dieses Kampfes als tan-i pasen, „leibliche Auferstehung“,[15] (die letzte Existenz[16] bzw. der zukünftige Körper oder Leib[17]) bezeichnet.
Die Zwillinge
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Unterscheidung zwischen der Wahrheit und der Lüge ist eine uralte Vorstellung, die insbesondere in Iran von zentraler Bedeutung war.[18] Im Zoroastrismus erscheint sie als Dualismus, der die Welt zum Kampfgebiet der Zwillinge, des Guten Geists (Spenta Mainyu) und des Bösen Geists (Angra Mainyu), macht. Im Gegensatz zum jüngeren Avesta und dem orthodoxen Zoroastrismus der Sassaniden sind die Zwillinge im ältesten Teil des Avesta nicht ursprünglich, sondern Ausdruck von Ahura Mazda oder von ihm erschaffen. Sie unterschieden sich im Geist, in der Rede und in den Taten. Der eine war sehr gut und der andere schlecht. Zusammen errichteten sie Leben und Tod.[19]
Der Konflikt zwischen Gut und Böse führt zur Entstehung der Welt, und die Beilegung desselben ist gleichbedeutend mit der Neuschöpfung am Ende der Zeitachse. Die „theoretisch unbegrenzte Unendlichkeit“ der Zeit wird in einen strukturierten Zeithorizont gerafft. Die Grundeinheit wird in den mittelpersischen Texten auf 3000 Jahre festgelegt, während die gesamte Weltzeit ein Vielfaches davon ist. Die irdische Existenz Zarathustras steht in der Mitte und markiert den Übergang zum letzten Zeitalter. Er ist der Empfänger der Religion, und durch seine geistige Kraft schränkt er das Wirken der dämonischen Mächte ein, so dass die „reine Religion“ zum Sieg des Schöpfers führt.[20]
Die Rolle des Menschen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Gute und das Böse stehen sich im Zoroastrismus fundamental gegenüber. Obwohl sich die beiden Prinzipien in jeder Hinsicht widersprechen, liegt der entscheidende Unterschied für den Menschen in der Wahlmöglichkeit, beziehungsweise im freien Willen. Der einzelne Mensch steht in einer individuellen Verantwortung, sich für eines der beiden Prinzipien zu entscheiden. Es ist seine eigene Wahl, die ihn zur Erlösung oder Verdammnis führt. Jemand, der sich für die Wahrheit entschieden hat, ist ein Rechtschaffener (Mann) (ashawan, wörtlich ein Besitzer der Wahrheit), während derjenige, der sich für die Lüge entschieden hat, als Besitzer der Lüge (drugwant) bezeichnet wird.[21] Die weltliche Gegenüberstellung wird auf die metaphysische Welt übertragen, in der sich Wahrhaftigkeit und die kosmische göttliche Ordnung (avestisch aša-, Nomen Neutrum, Harmonie, Ordnung, Gerechtigkeit, Wahrheit,[22] neupersisch اشه) dem Konzept von Unordnung, Lüge und Trug (avestisch druj-, Nomen Femininum, Täuschung),[23] gegenüberstehen.[24] Der Gegensatz zwischen Wahrhaftigkeit und Trug ist bereits im ältesten Teil des Avesta zu finden.[25]
Die Wohltätigen Unsterblichen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In den Überlieferungen erscheint Ahura Mazda stets umringt von sechs Mächten des Lichtes, mit denen zusammen er als erster (oder siebter) die göttliche Siebenheit bildet. Sie werden als Amescha Spenta, die „Wohltätigen Unsterblichen“, bezeichnet und sind erst im jüngeren Avesta als Begriff festgelegt worden. Im älteren Teil erscheint die Bezeichnung im ersten Buch des Avesta, im Yasna Haptaŋhāiti, in umgekehrter Wortfolge:
“So then we worship the good beings, male and female, the Spənta Aməšas, ever-living, ever-benefiting, who hold by good purpose.”
„So verehren wir denn die guten Wesen, männlich und weiblich, die Spənta Aməšas, die ewig Lebenden, die ewig Wohltätigen, die am guten Vorsatz festhalten“
In den mittelpersischen Texten wie dem Bundahischn, Denkard und der Anthologie des Zadspram[27] werden die „Wohltätigen Unsterblichen“ systematisch beschrieben. Sie erscheinen mehrmals vor Zarathustra und führen Gespräche mit ihm. Vohu manah, der als erster der Amescha Spenta erschienen sei, habe Zarathustra nach dem Gespräch zu Ahura Mazda geführt, wo dieser ihm die Grundprinzipien der Kosmologie und der Eschatologie verdeutlicht und ihm die Gabe der Allwissenheit verliehen habe.[28]
Gottheiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Während sich der ältere Teil des Avestas, im Besonderen die Gathas, als „unfertiger“ Monotheismus präsentiert, wird im jüngeren Avesta ein Pantheon von Gottheiten vorgestellt, der sich im Wesentlichen in drei Kategorien unterteilen lässt. Der Kategoriename ist eine Bezeichnung, die den Gottheiten im Avesta zugesprochen wird.[29]
- Die erste Kategorie sind die Amescha Spenta, die „Wohltätigen Unsterblichen“. Es sind sechs allegorische Aspekte von Ahura Mazda, die auch die Hypostasen des Ahura Mazda genannt werden.
- Die zweite Kategorie sind die Yazatas, die „des Opfers würdig sind“. Yazatas ist die ausschließliche Bezeichnung für Mithra und jene Götter, die sein himmlisches Gefolge bilden.
- Die dritte Kategorie sind die Ratus. Zu ihnen zählen die astralen Götter wie die Sonne, der Mond und der Stern Tištriia, kleinere Götter, die den verschiedenen Tageszeiten und Opferzeremonien zugeordnet werden, und Ahura Mazda selbst.
Diese und andere sinnlich-realistische Gottheiten machten ihre Rechte wieder geltend, wie sie in den jüngeren Teilen des Avesta und den Angaben der griechischen Schriftsteller vorliegen.[30]
Feuer und Wasser
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Personifikationen der reinen Elemente, vor allem des Feuers, das in verschiedenen Formen verehrt wird, und des Wassers, das sich in der später mit der vorderasiatischen Mylitta vermischten Ardvisura Anahita verkörpert, spielten in dem reichbevölkerten Götterhimmel des späteren Zoroastrismus eine hervorragende Rolle. Wegen ihrer Verehrung des Feuers war sie in der griechischen Welt (Herodot) als „Feueranbeter“ bekannt. Kaum minder zahlreich sind die bösen Geister, welche Daeva, Drudsch, Pairikas (Peri) genannt und teils als Unholdinnen gedacht wurden, die mit bösen Menschen in fleischlichem Verkehr stehen und die Guten zu verführen trachten, teils als tückische Dämonen, welche Trockenheit, Misswuchs, Seuchen und andere Plagen über die Welt verhängen.
Tiere
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im jüngeren Avesta werden die Tiere in verschiedenen Texten erwähnt. Sie werden in wilde und zahme Tiere in verschiedenen Lebensräumen unterteilt und in die Anrufungen mit eingeschlossen:
„Alle Wasser, die in Quellen und die in Flußläufen befindlichen, verehren wir; alle Pflanzen an Schossen und Wurzeln verehren wir; die ganze Erde verehren wir und den ganzen Himmel verehren wir; und alle Sterne und den Mond und die Sonne verehren wir; den ganzen anfangslosen Lichtraum verehren wir; und alles Getier, (das) im Wasser und auf dem Lande lebt und (das) sich fliegend bewegt und in der Freiheit haust, und die auf der Weide heimischen (Tiere) verehren wir.“
„(…) Die Seelen verehren wir: (die) der Haustiere verehren wir, (die) der wilden (Tiere) verehren wir, (die) der im Wasser lebenden verehren wir, (die) der in der Erde lebenden verehren wir, (die) der sich fliegend bewegenden verehren wir, (die) der in der Freiheit hausenden verehren wir, (die) der auf der Weide heimischen verehren wir.“
Im Vendidâd kommen die Xrafstra (avestisch xrafstra-, mittelpersisch xrafstar), die „Tiere des Teufels“, zur Sprache. So werden „die körnerschleppenden Ameisen“ aufgeführt.[32] Die Xrafstra sind eine Schöpfung von Ahriman[33] und sollen von den Priestern mit dem Xrafstratöter vernichtet werden.[34]
In den mittelpersischen Texten werden die zwei Gruppen, „wohltätige“ (avestisch gao.spəṇta-, mittelpersisch gōspand) Tiere und das „Xrafstra(geschmeiß)“[35] genauer beschrieben. Zu den „wohltätigen“ Tieren gehören Rinder, Hunde und andere Haustiere, die einen Nutzen für die Menschen haben. Die „wohltätigen“ Tiere stammen alle von einem einzigen Rind ab. Es sei das erste Tier auf der Erde gewesen und von einem bösen Geist getötet worden. Aus seinem Samen wurden alle Arten der „wohltätigen“ Tiere hervorgebracht. Sie können gezähmt, gegessen oder den Göttern geopfert werden. Die „Teufelstiere“ dagegen schaden den Menschen und ihren landwirtschaftlichen Nutzpflanzen. Sie gelten als ungenießbar, werden als Opfergaben nicht akzeptiert und sollten getötet werden. Dazu gehören Insekten, Schlangen und Mäuse.[36]
Die Klassifizierung der Tierwelt in den mittelpersischen Texten beruht auf dem Zähmungsgrad, der Fußform, dem Lebensraum, der Farbe und morphologischen Unterschieden. Die fünfteilige Klassifizierung wird in einer Liste von elf oder zwölf Gattungen und schließlich in einzelne Arten weiter geführt. Die Anzahl der Arten wird auf 282 festgelegt und stammt sehr wahrscheinlich aus einer alten Tradition mit einer symbolischen Bedeutung aus dem Schöpfungsmythos.[37]
Die in den mittelpersischen Texten aufgebaute Klassifizierung wird auf die antike griechische Tradition zurückgeführt. Der Vergleich der biblischen Tierklassifikation mit den mittelpersischen Texten ergibt zahlreiche Passagen, die sowohl in Form als auch im Inhalt eng miteinander übereinstimmen. Man vermutet, dass der Austausch unter dem Einfluss von Mitgliedern der Platonischen Akademie stand, die im 6. Jahrhundert n. Chr. an den Hof der Sassaniden reisten.[38]
Kosmogonie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der zoroastrische Mythos der Kosmogonie ist in den Pahlavi-Büchern Bundahischn und der Anthologie von Zādspram überliefert. Demnach verweilte Ohrmazd (Ahura Mazda) hoch oben in reinem Licht und Ahriman tief unten in der Dunkelheit. Dazwischen lag ein leerer Raum. Angesichts der Feindseligkeit von Ahriman stellte sich Ohrmazd auf die Auseinandersetzung mit diesem ein. Er brachte Erschaffenes in einem geistigen Zustand hervor, den diese für 3000 Jahre beibehielten. Zur gleichen Zeit erschuf Ahriman seine Kreaturen in der Dunkelheit. Als Ahriman mit den Angriffen begann, erkannte Ohrmazd, dass dieser seine Schöpfung durch einen immerwährenden Krieg ernsthaft gefährden könnte. Er schlug deshalb einen zeitlichen Rahmen für die Auseinandersetzungen vor, den Ahriman akzeptierte. Die darauffolgenden Stadien der Kosmogonie enthalten die eigentliche Schöpfung, das Stadium der Vermischung und die Trennung von Gut und Böse.[39]
Der eigentliche Schöpfungsakt begann nach der Übereinkunft von Ahriman und Ohrmazd. Ohrmazd rezitierte das erste Gatha und stieß Ahriman in die Dunkelheit zurück, der dort in einem betäubten Zustand bis zur Vollendung der Schöpfung verweilte. Ohrmazd zelebrierte ein spirituelles Yasna zusammen mit den Amescha Spenta. Zuerst erschuf er den Himmel, dann das Wasser und die Erde. Ihnen folgten eine einzelne Pflanze, der Ochse und der Mensch. Während der Zeit der Erschaffung war die Schöpfung bewegungslos und von Licht erfüllt. Erst im zweiten Stadium der Kosmogonie, der Vermischung, geriet die Schöpfung in Bewegung, als sie begann, sich gegen die Angriffe von Ahriman zu verteidigen. Während dieses Kampfes wurde die Welt zu derjenigen, wie wir sie kennen. Nach 3000 Jahren der Vermischung wird die Erneuerung stattfinden, in der die Trennung zwischen Gut und Böse vollzogen wird und die Mächte des Bösen besiegt werden.[40]
Die letzte Epoche der Weltzeit dauert wiederum 3000 Jahre, der Grundeinheit der Weltzeit aus den mittelpersischen Texten. An den Schwellen der jeweiligen Millennien stehen Zarathustra und drei seiner Nachkommen. Bereits in den avestischen Texten kommen seine Kinder vor und im jungavestischen Yascht wird die Erzeugung und die Rolle der Handlungsträger in der Endzeit angesprochen. Aber erst im mittelpersischen Text, dem Bundahischn, treten drei seiner Söhne an die Stelle von Zarathustra. Sie repräsentieren die gesellschaftlichen Schichten der Priester, Krieger und Bauern und stehen für die soziale Lebenswelt. Drei weitere Söhne Zarathustras, deren Erzeugung ebenfalls in den mittelpersischen Texten beschrieben ist, führen dagegen die eschatologische „Herrlichmachung“ herbei und sie sind die Handlungsträger der Endzeit. Die im Bundahischn angefangene und dann abgebrochene Erzählung wird in einem weiteren mittelpersischen Text, dem Denkard, weitergeführt und im letzten Text, der den Mythos der Endzeit bespricht, der Anthologie des Zadspram, wird erklärt, dass 57 Jahre vor dem Vollzug der „Herrlichmachung“ der letzte der drei postumen Söhne geboren werde, um das zu vollenden, was Zarathustra gegeben worden sei. Durch das Wirken dieser drei Söhne werde die ganze Schöpfung des Ahura Mazda „herrlich“ und unsterblich gemacht.[41]
Manche Passagen des Avestas weisen im Gegensatz zu den Pahlavi-Büchern darauf hin, dass zu einer Zeit eine andere Version des zweiten Stadiums existiert haben muss. Die Entstehung der Welt war das Resultat einer positiven göttlichen Handlung, die wie bei mehreren anderen Kulturen das rituelle Opfer als Ausgangspunkt setzt. Die Opfer der Menschen wären demnach eine Wiederholung der Handlung, die die Erschaffung der Welt in Gang gesetzt hatte.[42]
Totenkult
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Die jungavestischen Texte erwähnen über 60 Dämonen (Daevas) mit Namen und alles, was im religiösen Wertesystem negativ bewertet wird, wird im Vendidâd, dem Gesetz zur Verstoßung der Dämonen, mit Dämonen in Verbindung gebracht. Der Vendidâd zählt als gefährlichste der weiblichen Daevas die Leichendämonin Nasu auf und das dominierende Thema des Buchs ist die Entsorgung von Leichen. Die Leichen sind deshalb so gefährlich, weil sie von Nasu vergiftet und danach ansteckend werden könnten. Das Kapitel 7 des Vendidâd beginnt mit dem Anflug von Nasu:[43]
„1. Es fragte Zarathustra den Ahura Mazdǎh: ‚O Ahura Mazdǎh, heiligster Geist, Schöpfer der stofflichen Welt, o ašaehrwürdiger! Wann kommt diese Drug, die Νasaν, zu den toten Menschen herzugeflogen?‘
2. Da sagte Ahura Mazdǎh: ‚Gleich nach dem Tod, o Spitama Zarathustra, (wenn) die Wahrnehmungskraft aus (dem Körper) herausgeht, kommt diese Drug, die Nasav, von Norden her in abscheulicher Fliegengestalt herzugeflogen, die Knie nach vorn haltend, den Steiß emporrichtend, über und über mit Flecken bedeckt, (anzusehen) wie abscheulichste Xrafstar’s.‘“
Darauf folgen genaue Anweisungen und Vorschriften, wie mit Leichen umzugehen sei. Diese Anweisungen gelten auch für Hunde, die dem Menschen nach Auffassung der Religion am nächsten stehen.[44]
Für Bestattungen werden einige Methoden im Umgang mit Leichen zurückgewiesen. Man darf sie weder kochen, schmoren noch verzehren.[45] Das Kremieren, das Versenken von Leichen in Wasser und das Beerdigen von Leichen ist verboten.