Westphal, Gert
- Lebensdaten
- 1920 â 2002
- Geburtsort
- Dresden
- Sterbeort
- ZĂŒrich
- Beruf/Funktion
- Rezitator ; Schauspieler ; Regisseur ; Sprecher ; Musiker ; Schriftsteller
- Konfession
- evangelisch
- Normdaten
- GND: 115770348 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Westphal, Gerhard (eigentlich)
- Westphal, Curt Gerhard (eigentlich)
- Wehner, Gerhard (Pseudonym)
- Westphal, Gert
- Westphal, Gerhard (eigentlich)
- westphal, gerhard
- Westphal, Curt Gerhard (eigentlich)
- westphal, curt gerhard
- Wehner, Gerhard (Pseudonym)
- wehner, gerhard
- Westphal, Gert Curt
- Westphal, Gert Kurt
- Westphal, Gert Curt Gerhard
- Westphal, Gert Kurt Gerhard
- Westphal, Gerd
- Westphal, Kurt Gerhard
- b14
- Westphal, Kurt Gerhard (eigentlich)
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Westphal, Gert (eigentlich Curt Gerhard, Pseudonym Gerhard Wehner)
Rezitator, Schauspieler, Regisseur, * 5.10.1920 Dresden, â 10.11.2002 ZĂŒrich, â° Friedhof Kilchberg (Kanton ZĂŒrich). (evangelisch)
-
Genealogie
V Curt (1894â1971), Dir. e. Treibriemenfabrik in D.;
M Elsa BrĂ€uer (1895â1974), beide aus Moritzburg (Sachsen);
B Werner (1921â71), Statiker in D.;
â â Salzburg 1957 Gisela (* 1930), aus Comodoro Rivadavia (Argentinien), Schausp., Rezitatorin an d. dt.sprach. Rundfunkanstalten, seit 1967 Autorin, Lehrbeauftragte f. Sprecherziehung am Konservatorium ZĂŒrich 1978â93, seit 1975 NachlaĂverw. d. Lyrikerin Mascha KalĂ©ko (1907â75), BVK 2008 (s. W, L), T d. Hansrobert Zoch (1898â1989), Dipl.-Berging., aus Rittel (Neumark, Westpr.), u. d. Alwine Gehrken (1894â1941), aus Legenhausen, Gde. Wachendorf b. Syke (Niedersachsen);
2 T. -
Biographie
W. besuchte die Volksschule in Dresden-Striesen, spĂ€ter das Dresdner Realgymnasium Blasewitz (seit Nov. 1938 âSchillerschule Blasewitzâ). Schon 1934 trug er erstmals eine Rezension im Funk bei der Sendestelle Dresden vor. Nach dem Abitur 1939 begann er eine Schauspielausbildung am Dresdner Konservatorium bei Alfons MĂŒhlhofer (1900â52) und am Dresdner Staatsschauspielhaus bei Paul Hoffmann (1902â90). Im Sept. 1940 debĂŒtierte W. in der Rolle des zweiten Reiters in Goethes âGötz von Berlichingenâ, bevor er im selben Monat zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Seine Ausbildung schloĂ W. wĂ€hrend eines dafĂŒr gewĂ€hrten Fronturlaubs im Jan. 1941 vor der Reichstheaterkammer mit einer Kurzvorstellung von BĂŒchners âDantons Todâ ab. Als Rittmeister und Oberleutnant eines Kavallerie-Regiments wurde W. nach kurzer Kriegsgefangenschaft im Sommer 1945 als Landarbeiter entlassen. 1946 von Heinz Suhr (1904â85) an die Bremer Kammerspiele engagiert, ĂŒbernahm W. zeitgleich einen Posten als Sprecher und Redakteur bei Radio Bremen, dem kleinsten Sender der drei Besatzungszonen. In der Folgezeit bearbeitete er zahlreiche BĂŒcher von Autoren, die wĂ€hrend der NS-Zeit verboten gewesen waren, als Hörspiel oder fĂŒr Lesungen. DarĂŒber hinaus verfaĂte er unter dem Pseudonym Gerhard Wehner (in Anlehnung an einen im Krieg gefallenen Freund) einige Hörspiele. 1948 wurde W. zusĂ€tzlich zu seiner bisherigen TĂ€tigkeit Oberspielleiter der Hörspielabteilung. Ab etwa 1950 folgten erste Gastspiele an anderen dt. Sendern, in Ăsterreich und in der Schweiz; neben weiteren Hörspielaufnahmen fĂŒr Radio Bremen inszenierte und produzierte W. nun in Ăsterreich und in der Schweiz zunehmend auch Aufnahmen, die in Bremen der personellen und technischen Anforderungen wegen nicht realisiert werden konnten.
1953 wechselte W. zum SĂŒdwestfunk Baden-Baden; hier begann die fĂŒr ihn prĂ€gendste Radiozeit. ZunĂ€chst nur als Abteilungsleiter und Chefregisseur u. a. fĂŒr die von Max OphĂŒls (1902â57) inszenierte âNovelleâ nach Goethe im Hintergrund zustĂ€ndig, wurde W. von OphĂŒls als Wunschkandidat fĂŒr den Part des ErzĂ€hlers in dem nach Arthur Schnitzler (1862â1931) verfaĂten Hörspiel âBerta Garlanâ benannt. In der RĂŒckschau bezeichnete W. diese Zusammenarbeit als die schönste Aufgabe, die er im Radio je gelöst habe. Im Vertrauen auf W.s Regie spielte OphĂŒls die einzige Hörspielrolle seines Lebens, den PrĂ€sidenten in Giraudouxs âLied der Liederâ. 1958â59 hatte W. zusĂ€tzlich die Leitung der Fernsehabteilung beim SĂŒdwestfunk inne.
Im Jan. 1960 wechselte W. nach ZĂŒrich, wo er am dortigen Schauspielhaus bis 1980 zum festen Ensemble gehörte. In dieser Zeit ĂŒbernahm er zahlreiche Regien sowie bedeutende Rollen der Klassik und der Moderne und wirkte an zahlreichen UrauffĂŒhrungen mit. 1963 gastierte W. mit dem Theater-Ensemble Oskar Werner am Theater der Nationen in Paris mit einer AuffĂŒhrung von Goethes âTorquato Tassoâ. Zusammen mit KĂ€the Gold (1907â97) und Walter Richter (1905â85) trat er im Jan. 1965 in Haifa (Theater), Tel Aviv (Habima-Theater) und Jerusalem (Konzertsaal) auf, wo Strindbergs âTotentanzâ als erstes TheaterstĂŒck in dt. Sprache ĂŒberhaupt in Israel zur AuffĂŒhrung kam. ZusĂ€tzlich zu seiner Theaterarbeit war W. wiederholt in Film und Fernsehen â meist in der Rolle des etablierten bzw. arrivierten Ă€lteren Herren oder als ErzĂ€hler â tĂ€tig bzw. fĂŒhrte hier Regie. Mit Nachdruck sprach er sich gegen das in den 1970er Jahren populĂ€r werdende Regietheater aus. Aus âTreue zum Metierâ und aus Verpflichtung dem Wort und seinem Autor gegenĂŒber verabschiedete er sich schlieĂlich vom ZĂŒrcher Schauspielhaus. Fortan war W. nur noch als freischaffender KĂŒnstler tĂ€tig. Neben der Theaterarbeit inszenierte er u. a. auch Opern klassischer wie moderner Komponisten. Im Okt. 1965 dozierte W. am Mo-| zarteum in Salzburg ĂŒber Rollengestaltung, 1989 an der Hochschule fĂŒr Wirtschaft St. Gallen ĂŒber das Vorlesen.
FĂŒr Katia Mann war W. âdes Dichters oberster Mundâ, fĂŒr Golo Mann der wohl letzte âMeister des gesprochenen Wortesâ. W. selbst, von Petra Kipphoff 1984 in der âZeitâ als âKönig der Vorleserâ geadelt, bezeichnete Fontane, Goethe und Thomas Mann zeitlebens als seine âSĂ€ulenheiligenâ. WĂ€hrend seiner mehr als 60jĂ€hrigen TĂ€tigkeit nahm er mehrere tausend Stunden im Studio auf und las Werke von ĂŒber 250 Autoren ein, zudem setzte er sich fĂŒr neue oder nur schwer realisierbare Formate und Projekte ein. Der damalige Chefredakteur der Jazz-Redaktion des SĂŒdwestfunks, Joachim-Ernst Berendt (1922â2000), wĂ€hlte W. wegen dessen TextverstĂ€ndnisses und MusikalitĂ€t fĂŒr die in den 1950er Jahren von ihm neu kreierten Jazz & Lyrik-Programme aus, die bis heute stilbildend wirken. 1978 erhielt W. neben der dt. StaatsbĂŒrgerschaft das Schweizer BĂŒrgerrecht und konnte damit â lange vor der Wiedervereinigung â auch fĂŒr den Hörfunk der DDR und die VEB Deutsche Schallplatten Berlin als Rezitator tĂ€tig werden.
W., dessen markante Stimme seit Anfang der 1970er Jahre dunkler wurde, hat wie kein zweiter ĂŒber Radio und TontrĂ€ger groĂe und kleinere Literatur, selbst sog. Trivialliteratur in der dt.sprachigen Ăffentlichkeit vermittelt. In zahlreichen Hörspielen ĂŒbernahm er die Doppelfunktion des ErzĂ€hlers und Regisseurs. Durch Wiederholungen im Hörfunk und (Wieder-)Veröffentlichungen von TontrĂ€gern ist er bis in die Gegenwart prĂ€sent.
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Auszeichnungen
|u. a. Lit.preis d. Kt. ZĂŒrich (1975);
BVK 1. Kl. (1982);
Dt. Schallplattenpreis (1988);
Goldenes Verdienstzeichen d. Landes Salzburg (1990);
Goldenes Ehrenzeichen f. Verdienste um d. Bundesland Niederösterr. (1990);
Mitgl. d. Freien Ak. d. KĂŒnste in Hamburg (1994);
Ehrenmedaille SchloĂ Reinbek (1995);
Biermann-Ratjen-Medaille d. Stadt Hamburg (2001);
â zahlr. Preise d. dt. Schallplattenkritik: Hörspielpreis d. Kriegsblinden f. âPrinzessin Turandotâ v. W. Hildesheimer (1955, Regie);
Prix Italia f. âWovon wir leben und woran wir sterbenâ v. Herbert Eisenreich (1957, Sprecher);
Prix Italia f. âA hard dayâs nightâ v. A. Bodelsen (1967, Regie);
Ehrenurk. d. Dt. Schallplattenkritik (1991);
Hörspiel d. Monats âUdo der StĂ€hlerneâ v. Theodor WeiĂenborn u. Josef Alois Gleich (Jan. 1994, ErzĂ€hler);
Das Goldene Grammophon (1995, als erster u. bislang einziger Sprecher);
Preis d. dt. Schallplattenkritik (1995, mit Gisela Zoch-W.). -
Werke
Weitere W u. a. Literatur: nahezu die gesamte Prosa v. Fontane, Th. Mann u. Goethe, z. T. in mehrfachen Aufnahmen;
Der grĂŒne Heinrich, v. G. Keller, 1990;
ebenso â ĂŒberwiegend ungekĂŒrzt â zahlr. SchlĂŒsselwerke d. russ., franz. u. engl.sprachigen Lit., u. a. Die Elenden v. Victor Hugo, Schuld u. SĂŒhne v. Dostojewski, Bleak House v. Ch. Dickens;
â Hörspiele: Kgl. Hoheit, 1953 / 54;
Am grĂŒnen Strand d. Spree, 1956;
Doktor Schiwago, 1958;
Radetzkymarsch, 1962;
Buddenbrooks, 1965;
Krieg u. Frieden, 1965;
â Operninszenierungen: Werke v. W. A. Mozart, D. Cimarosa, G. Verdi, R. Wagner, A. Honegger, H. W. Henze u. A. Reimann an d. Dt. Oper am Rhein DĂŒsseldorf, am Staatstheater Braunschweig, am Nat.theater Mannheim, am Hess. Staatstheater Darmstadt, am Stadttheater Bern u. am Opernhaus NĂŒrnberg;
â W-Verz.: O. W. Grabow, G. W., Gesamtverz. seiner Arbb. v. 1940 bis 2002, 2013 (P);
â NachlaĂ: DLA Marbach;
â mit Gisela Zoch-W.: BĂŒhnen- u. Hörspielrollen: Buddenbrooks, 1965;
Krieg u. Frieden, 1965;
Der Fall Maurizius, 1968;
Aus d. sechs Leben d. Mascha Kaléko, Eine Ausw. aus ihrem Werk, 1987;
âDuâ â Liebeslyrik u. Liebesbriefe aus vier Jhh. (mit Th. Manns Ansprache z. 70. Geb.tag seiner Frau Katia), 1989;
âBleib doch mein!â, Aus d. Briefwechsel zw. Emilie u. Theodor Fontane (CD), 1995;
âLieber Geheimerath âŠâ â Johann Wolfgang v. Goethe & Christiane Vulpius, Eine Liebes- u. Ehegesch., 1998;
Angelika Kauffmann, 2001;
â zu Gisela Zoch-W.: Hg.: Mascha KalĂ©ko, In meinen TrĂ€umen lĂ€utet es Sturm, Gedichte u. Epigramme aus d. NachlaĂ, 1977;
dies., Heute ist morgen schon gestern, Gedichte aus d. NachlaĂ, 1980, â¶1990;
â Mascha KalĂ©ko, Die paar leuchtenden Jahre, Mit e. Essay v. H. KrĂŒger u. e. Biogr. v. Gisela Zoch-W., 2003, â·2008. -
Literatur
|eine krit. Monogr. liegt bisher nicht vor;
Des Dichters oberster Mund, G. W. z. 70. Geb.tag, hg. v. M. Kraske, 1990 (P);
Kunst d. VergegenwÀrtigung, Zum 70. Geb.tag v. G. W., in: NZZ v. 5. 10. 1990;
Th. Sprecher, Die Sprache als Fest, G. W. wird achtzig, in: NZZ v. 5. 10. 2000;
ders., Ein Leben f. d. Sprache, Zum Tod v. G. W., ebd. v. 12. 11. 2002;
J. Kesting, Raunender Musizierer d. Imperfekts, Vorlesen als schöne Kunst betrachtet, Dem ErzÀhlvirtuosen G. W. z. Achtzigsten, in: FAZ v. 5. 10. 2000 (P);
G. Stadelmaier, Der Stimmbildner, Tief ist d. Brunnen d. Vorlesezeit, Zum Tod v. G. W., ebd. v. 12. 11. 2002 (P);
M. Seewald, Er wollte noch einmal lesen, Das letzte InterviewgesprÀch mit G. W., ebd. v. 14. 11. 2002 (P);
â Theaterlex. Schweiz (P);
â âIch lese die Bilder, die vor meinen Augen ablaufenâ, G. W. z. 70. Geb.tag, RundfunkportrĂ€t v. W. Wessels (SWR, 1990). -
Autor/in
Oliver W. Grabow -
Zitierweise
Grabow, Oliver W., "Westphal, Gert (eigentlich Curt Gerhard, Pseudonym Gerhard Wehner)" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 904-905 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd115770348.html#ndbcontent