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Antigonae

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
Werkdaten
Titel: Antigonae
Form: Trauerspiel in fĂŒnf Akten
Originalsprache: Deutsch
Musik: Carl Orff
Libretto: Sophokles in der Übersetzung von Friedrich Hölderlin
Literarische Vorlage: Antigone von Sophokles
UrauffĂŒhrung: 9. August 1949
Ort der UrauffĂŒhrung: Felsenreitschule Salzburg
Spieldauer: ca. 2 œ Stunden
Ort und Zeit der Handlung: Theben (Griechenland),
mythische Zeit
Personen

Antigonae ist Carl Orffs Vertonung in fĂŒnf Akten des Trauerspiels Antigone (griechisch ገΜτÎčÎłÏŒÎœÎ·) des antiken griechischen Dichters Sophokles in der deutschen Übersetzung durch Friedrich Hölderlin von 1804. Als direkte Musikalisierung des vollstĂ€ndigen Dramentextes in Hölderlins Übersetzung bildet Orffs Partitur ein Musterbeispiel fĂŒr eine Literaturoper. Seine UrauffĂŒhrung erlebte das Werk am 9. August 1949 im Rahmen der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule unter dem Dirigat von Ferenc Fricsay und in der Regie von Oscar Fritz Schuh mit BĂŒhnenbild und KostĂŒmen von Caspar Neher.

Bei dem Krieg um Theben sind Antigonaes BrĂŒder Eteokles und Polynikes gefallen. Der Erstere hatte fĂŒr Thebens König Kreon gekĂ€mpft und der Letztere auf den Seiten der feindlichen Belagerer. Deshalb verbietet Kreon, der Onkel der Toten, den VerrĂ€ter zu bestatten. Antigonae kann es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren, dass Polynikes eine derartige Schmach widerfahren soll. Sie widersetzt sich dem Verbot und bestreut den vor den Toren der Stadt liegenden Bruder mit Sand, um so dem Gebot der Götter GenĂŒge zu tun. Ein WĂ€chter beobachtet sie bei ihrem Tun und verrĂ€t sie an den Regenten. Kreon verurteilt daraufhin seine Nichte, lebendig eingemauert zu werden.

Als HĂ€mon, der Sohn des Königs und Antigonaes Verlobter, vom Urteilsspruch seines Vaters hört, ist er entsetzt. Er fleht ihn an, Gnade walten zu lassen. Damit aber stĂ¶ĂŸt er bei Kreon auf taube Ohren. Verzweifelt eilt HĂ€mon zu seiner Braut. Ohne sie hat fĂŒr ihn das Leben jeglichen Sinn verloren. Nun will er mit ihr gemeinsam dem Tod entgegensehen.

Der blinde Seher Tiresias warnt den Herrscher, es werde bald aus seinem Blut einen Toten zur SĂŒhne fĂŒr jene Tote geben. Dieser Spruch gibt dem König zu denken. Es kommen ihm Zweifel, ob sein Handeln richtig war. Schließlich gelangt er zu der Einsicht, die Gefangene freizugeben. Die Nachricht will er ihr selbst ĂŒberbringen, aber dazu ist es zu spĂ€t: Antigonae hat ihrem Leben bereits selbst ein Ende gesetzt. Auch HĂ€mon konnte dies nicht verhindern und ist seiner Braut in den Tod gefolgt. Schließlich scheidet auch Kreons Gattin Euridice ob des furchtbaren Geschehens freiwillig aus dem Leben.

Orffs textgetreue Vertonung von Friedrich Hölderlins Sophokles-Übersetzung von 1804 bedeutete die Schaffung einer neuartigen Form von Musiktheater, in welchem der Text selbst durch die Deklamation der Singstimmen seine Musikalisierung erfĂ€hrt. Eine außerordentliche Reduktion der Tonhöhenstruktur in Verbindung mit dem Überwiegen des Rhythmischen bilden die wesentlichen Merkmale von Orffs SpĂ€tstil.[1] Besonders an den großen Chören, die eine ausgeprĂ€gte Tendenz zum Aufbau grĂ¶ĂŸerer, geschlossener KlangflĂ€chen zeigen, lĂ€sst sich die Verfahrensweise des Komponisten aufzeigen, in Konstellationen grundtöniger FlĂ€chen ohne veritable Akkordsyntax zu denken. Orffs Verzicht auf die Grammatik der harmonischen TonalitĂ€t erlaubte es dem Komponisten, als musikalisches Äquivalent von Hölderlins archaischer Sprache die deklamierende Singstimme selbst zum TrĂ€ger der Handlung zu machen.[2] Wie Pietro Massa zeigen konnte, bildete die Hölderlin-Rezeption der deutschen Altphilologie nach dem II. Weltkrieg unter dem Einfluss Martin Heideggers einen wesentlichen Anstoß fĂŒr Orffs Entscheidung, gerade die Nachdichtungen Hölderlins zu vertonen. Auch begleitete ein intensiver Gedankenaustausch mit dem Musikwissenschaftler Thrasybulos Georgiades sowie mit Wieland Wagner den Entstehungsprozess der Orff’schen Antikenopern; Orffs Freundschaft mit dem TĂŒbinger Altphilologen Wolfgang Schadewaldt entstand freilich erst nach der UrauffĂŒhrung von Antigonae.[3]

Die Konzentration auf ein Ensemble aus Schlaginstrumenten mit bestimmter und unbestimmter Tonhöhe, ursprĂŒnglich sicherlich aus der Faszination geboren, die die einzige noch entwicklungsfĂ€hige Gruppe des Orchesters auf die Komponisten des 20. Jahrhunderts ausĂŒbte, erscheint zugleich als veritable Patentlösung fĂŒr einen Komponisten, dem die Erstellung von Tonhöhenorganisationen niemals ein zentrales Anliegen gewesen war. Die Vorstellung eines arbeitsteilig ausdifferenzierten Zusammenwirkens, die das im Laufe der Jahrhunderte organisch gewachsene Orchester der abendlĂ€ndischen Kunstmusik auszeichnete, erscheint im Orchester von Orffs Hölderlin-Opern auf Instrumentenkonstellationen transponiert, die der europĂ€ischen Kunstmusik bisher unbekannt waren. Klavier und Xylophone, im traditionellen Orchester eher mit marginalen Aufgaben vertraut, nehmen innerhalb der Antigonae-Partitur etwa die Rolle ein, die dem Streicherkörper im Orchestersatz der Wiener Klassik zufiel.[4] Traditionelle Instrumente der europĂ€ischen Orchestertradition – wie etwa Flöten, Oboen, Trompeten und KontrabĂ€sse – erscheinen in Antigonae und Oedipus der Tyrann dagegen mit Funktionen betraut, die von den seltenen Schlaginstrumenten im Orchester des 19. Jahrhunderts wahrgenommen wurde: Als Sonderklangfarben mit beinahe exotischem Klangreiz werden sie nur fĂŒr spezielle, dramaturgisch motivierte Aufgaben herangezogen.

Im musikhistorischen RĂŒckblick erscheinen Orffs Antikenopern als ein außerordentlich origineller Sonderweg des Musiktheaters nach 1950, der in den Jahren seit 2000, nicht zuletzt wegen der Verwandtschaft von Orffs Musiksprache zu den Tendenzen der Minimal Music, wieder mehr Beachtung erfĂ€hrt. Von den drei Antikenopern konnte sich Antigonae am besten im Repertoire behaupten, da Arthur Honeggers Oper Antigone (BrĂŒssel, Théùtre de la Monnaie, 1927) sich trotz der Dichtung von Jean Cocteau nicht durchsetzen konnte.[5]

Die Partitur von Orffs Antigonae sieht eine in der Musikgeschichte bis 1949 einzigartige Orchesterbesetzung vor:

Die große Schlagzeugbesetzung verlangt zehn bis fĂŒnfzehn Spieler:

Die Trogxylophone sind Instrumente des Orff-Schulwerks. Da sie im Orchestergebrauch wegen der chromatischen Anordnung der StĂ€be ungebrĂ€uchlich sind, aber nur sie die AusfĂŒhrung chromatischer Glissandi ermöglichen, wird in der gegenwĂ€rtigen AuffĂŒhrungspraxis die Mehrzahl der tiefen Trogxylophone durch Marimbaphone ersetzt.[6]

WĂ€hrend die AusfĂŒhrung der Schlagzeugpartien zur Zeit der UrauffĂŒhrung betrĂ€chtliche Anforderungen an die Schlagzeuger stellte[7], bietet Orffs Partitur dank der außerordentlichen Entwicklung der Schlagzeugtechnik in den vergangenen Jahrzehnten keine unĂŒberwindlichen Hindernisse mehr.

  • Nicholas Attfield, Re-staging theWelttheater: A Critical View of Carl Orff’s »Antigonae« and »Oedipus der Tyrann«, in: Peter Brown/Suzana OgrajenĆĄek (Hrsg.): Ancient Drama in Music for the Modern Stage, Oxford (Oxford University Press) 2010, S. 340–368.
  • Alberto Fassone: Il Grabgesang di Antigone: Orff ed il ritorno alle origini. In: Studi Musicali 19/1990. S. 183–202.
  • Alberto Fassone: Carl Orff. Libreria Musicale Italiana, Lucca 2009, ISBN 978-88-7096-580-3.
  • Hellmut Flashar: Inszenierung der Antike. Das griechische Drama auf der BĂŒhne der Neuzeit 1585–1990. MĂŒnchen, C. H. Beck 1991.
  • Thrasybulos Georgiades, Zur »Antigonae«-Interpretation von Carl Orff, in: Thrasybulos Georgiades, Kleine Schriften, hrsg. Theodor Göllner, Hans Schneider. Tutzing 1977, S. 227–231.
  • Theo Hirsbrunner: Carl Orffs „Antigonae“ und „Oedipus der Tyrann“ im Vergleich mit Arthur Honeggers „Antigone“ und Igor Strawinskys „Oedipus Rex“. In: Thomas Rösch (Hrsg.): Text, Musik, Szene – Das Musiktheater von Carl Orff. Schott, Mainz 2015, ISBN 978-3-7957-0672-2, S. 231–245.
  • Wilhelm Keller: Carl Orffs »Antigonae«. Versuch einer EinfĂŒhrung, Schott, Mainz 1954.
  • Stefan Kunze: Die Antike in der Musik des 20. Jahrhunderts, Bamberg (Buchner) 1987, ISBN 3-7661-5456-7.
  • Stefan Kunze: Orffs Tragödien-Bearbeitungen und die Moderne. In: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Schönen KĂŒnste 2/1988, S. 193–213; wieder abgedruckt in: Stefan Kunze, DE MUSICA. AusgewĂ€hlte AufsĂ€tze und VortrĂ€ge, hrsgg. von Erika Kunze und Rudolf Bockholdt, Tutzing (Schneider) 1998, S. 543–564.
  • JĂŒrgen Leonhardt, Sprachbehandlung und antike Poesie bei Carl Orff, in: JĂŒrgen Leonhardt / Silke Leopold / Mischa Meier (Hrsg.): Wege, Umwege und Abwege. Antike Oper in der 1. HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts, Stuttgart (Steiner) 2011, S. 67–98.
  • JĂŒrgen Maehder: Non-Western Instruments in Western 20th-Century Music: Musical Exoticism or Globalization of Timbres?, in: Paolo Amalfitano/Loretta Innocenti (Hrsg.), L'Oriente. Storia di una figura nelle arti occidentali (1700–2000), Bulzoni, Roma 2007, vol. 2, S. 441–462.
  • JĂŒrgen Maehder: Die Dramaturgie der Instrumente in den Antikenopern von Carl Orff. In: Thomas Rösch (Hrsg.): Text, Musik, Szene – Das Musiktheater von Carl Orff. Schott, Mainz 2015, S. 197–229, ISBN 978-3-7957-0672-2.
  • Pietro Massa: Carl Orffs Antikendramen und die Hölderlin-Rezeption im Deutschland der Nachkriegszeit, Peter Lang, Bern/Frankfurt/New York 2006, ISBN 3-631-55143-6.
  • Thomas Rösch: Die Musik in den griechischen Tragödien von Carl Orff. Hans Schneider, Tutzing 2003, ISBN 3-7952-0976-5.
  • Thomas Rösch (Hrsg.): Text, Musik, Szene – Das Musiktheater von Carl Orff. Symposium Orff-Zentrum MĂŒnchen 2007, Schott, Mainz 2015, ISBN 978-3-7957-0672-2.
  • Werner Thomas (Hrsg.): Carl Orff und sein Werk. Dokumentation, Band VII: AbendlĂ€ndisches Musiktheater, Tutzing (Hans Schneider) 1983, ISBN 3-7952-0308-2.
  • Werner Thomas: Carl Orffs »Antigonae« ─ Wieder-Gabe einer antiken Tragödie, in: Werner Thomas, Das Rad der Fortuna. AusgewĂ€hlte AufsĂ€tze zu Werk und Wirkung Carl Orffs, Schott, Mainz 1990, S. 209–219, ISBN 3-7957-0209-7.

Einzelnachweise

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  1. ↑ Stefan Kunze: Orffs Tragödien-Bearbeitungen und die Moderne. In: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Schönen KĂŒnste 2/1988. S. 193–213; wiederabgedruckt in: Stefan Kunze, DE MUSICA. AusgewĂ€hlte AufsĂ€tze und VortrĂ€ge, herausgegeben von Erika Kunze und Rudolf Bockholdt, Tutzing (Schneider) 1998, S. 543–564.
  2. ↑ Thomas Rösch: Die Musik in den griechischen Tragödien von Carl Orff. Hans Schneider, Tutzing 2003.
  3. ↑ Pietro Massa: Carl Orffs Antikendramen und die Hölderlin-Rezeption im Deutschland der Nachkriegszeit. Peter Lang, Bern/Frankfurt/New York 2006.
  4. ↑ JĂŒrgen Maehder: Die Dramaturgie der Instrumente in den Antikenopern von Carl Orff. In: Thomas Rösch (Hrsg.): Text, Musik, Szene – Das Musiktheater von Carl Orff. Schott, Mainz 2015, S. 197–229.
  5. ↑ Theo Hirsbrunner: Carl Orffs „Antigonae“ und „Oedipus der Tyrann“ im Vergleich mit Arthur Honeggers „Antigone“ und Igor Strawinskys „Oedipus Rex“. In: Thomas Rösch (Hrsg.): Text, Musik, Szene – Das Musiktheater von Carl Orff. Schott, Mainz 2015, S. 231–245.
  6. ↑ Gunther Möller: Das Schlagwerk bei Carl Orff: AuffĂŒhrungspraxis der BĂŒhnen-, Orchester- und Chorwerke. Schott Verlag, Mainz 1995.
  7. ↑ Karl Peinkofer, »Ja, ihr lernts es schon noch!«, in: Horst Leuchtmann (Hrsg.), Carl Orff. Ein Gedenkbuch, Hans Schneider, Tutzing 1985, S. 115–119.