Haubarg

Ein Haubarg, selten auch Hauberg (nicht zu verwechseln mit der Waldwirtschaftsform Hauberg), ist das typische Bauernhaus der Halbinsel Eiderstedt im Kreis Nordfriesland in Schleswig-Holstein. Ihm entspricht das Barghus in der Wilstermarsch nordöstlich der Elbe im Kreis Steinburg.[1] Beide kamen im spÀten 16. Jahrhundert durch westfriesische Einwanderer in die Region, die den Bautyp des Gulfhauses mitbrachten, und bewÀhrte sich bis ins spÀte 19. Jahrhundert als Bauernhaus.
Begriff
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Wort âHaubargâ bezeichnet eine StĂ€tte zum Bergen (Stapeln) von Heu und Getreide. Der Ă€lteste Beleg ist Houwbarch (1605), in dem anscheinend das niederdeutsche Wort Hoi oder Houwe ('Heu') steckt.[2] Mensch und Tier lebten in Haubargen jahrhundertelang unter einem Dach, wenn auch in getrennten RĂ€umen. Der Name Barghus leitet sich vom Barg her, dem tragenden BarggerĂŒst, das WohnrĂ€ume, LĂ€ngsdiele und ViehstĂ€lle trĂ€gt. Dieser kompakte Haustyp ist auf Milchwirtschaft und KĂ€seherstellung ausgerichtet, da die Wilstermarsch fĂŒr den Getreideanbau weitgehend ungeeignet war.
Gulfhaus und Haubarg sind Weiterentwicklungen des Altfriesischen Bauernhauses, ursprĂŒnglich aus Westfriesland, die sich Mitte des 17. Jahrhunderts in die Elbmarschen (Barghaus) und nach Nordfriesland (Haubarg) verbreiteten. Beide gehören dem Typus des Wohnstallhauses an, einer Form des Langhauses, die sich in der norddeutschen Tiefebene in der Eisenzeit verbreitet und sich aus den Wohnstallbauten der Bronzezeit entwickelt hatte. Zwei weitere Grundformen, auf die sich die Formenvielfalt der Bauernhaustypen in Schleswig-Holstein grĂŒndet, sind das quergeteilte Geesthardenhaus (auch Schleswiger Haus) aus JĂŒtland, dessen Sonderform das uthlandfriesische Haus oder Friesenhaus ist, sowie das niederdeutsche Hallenhaus, auch als Niedersachsenhaus bezeichnet, das ab dem 13. Jahrhundert aufkam.
Aufbau
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Haubarge haben einen rechteckigen, nur beim vierstĂ€ndrigen Haubarg quadratischen, Grundriss. Es handelt sich um StĂ€nderbauten, bei denen das Haus hauptsĂ€chlich von je nach GröĂe vier, sechs oder acht, in seltenen, nicht mehr erhaltenen FĂ€llen zehn StĂ€ndern getragen wird, die durch LĂ€ngs- und Querbalken (Pfetten) verbunden sind. Diese Bauweise trĂ€gt unter anderem dazu bei, das Haus widerstandsfĂ€hig gegen Naturgewalten, insbesondere StĂŒrme und daraus resultierende Sturmfluten, zu machen. Selbst wenn eine Sturmflut die Mauern eindrĂŒckt, halten die StĂ€nder noch das Dach. Die Grundstruktur des Hauses bleibt unbeschĂ€digt. Diese Bauweise erleichterte auĂerdem die Erneuerung des Mauerwerkes, das nach etwa 100 Jahren auszusalzen begann und daher ersetzt werden musste.
Je vier StĂ€nder bilden in der Mitte des Haubargs einen Vierkant, in dem das Stroh gelagert wurde, das nach dem Dreschen anfiel. Darum herum angeordnet sind die Loo, wo unter anderem gedroschen wurde, WohnrĂ€ume (Döns) und SchlafverschlĂ€ge (Alkoven) fĂŒr das Hofgesinde zusammen mit den Stallungen fĂŒr die Pferde (Peerboos), Rinder (Boos) und das Kleinvieh. Der GroĂbauer hatte mit seiner Familie sein Schlafgemach in Wandbetten (Alkoven) in dem sogenannten âPeselâ, der sogar beheizbar war, wĂ€hrend das Hofgesinde nur durch das Vieh und das gelagerte Stroh und Heu gewĂ€rmt wurde. Das Heu, das dem Haustyp seinen Namen gab, lagerte ĂŒber der Boos, wĂ€hrend Getreide ĂŒber dem Wohnteil des Hauses lagerte. Ăber der Loo lagerten die nicht gedroschenen Garben der Ernte auf einer Art Spaltenboden. Wenn nicht gerade geerntet wurde, diente die Loo als Wagenremise.
Ein weiteres Merkmal ist das oft 15 oder 20 Meter hohe, mit Reet gedeckte Dach, unter dem das Heu fĂŒr den Winter gelagert wird.
- Haubarg bei Witzwort
- Roter Haubarg bei Witzwort
- Der ehemalige Hof Jacobs in Seeth
- Haubarg in Vollerwiek
- Haubarg in Tating
- Barghaus in Arentsee
Lage
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Solange der KĂŒstenschutz noch unzureichend war, wurden Haubarge zum Schutz vor Ăberschwemmungen infolge von Sturmfluten auf Warften errichtet. Bis ins 18. Jahrhundert wurden Haubarge in West-Ost-Ausrichtung erbaut, danach zumeist aus ReprĂ€sentationsgrĂŒnden in SĂŒd-Nord-Ausrichtung. Sie waren â wie FachwerkhĂ€user â umsetzbar; neben dem Herrenhaus Hoyerswort, dem einzigen Herrenhaus der Halbinsel Eiderstedt, wurde 1779 ein Haubarg als Scheune aufgestellt, der ursprĂŒnglich 1704 im nahen Langenhemme als Wohnstallhaus errichtet worden war.
JĂŒngere Geschichte und Gegenwart
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Haubarge werden seit etwa 1900 nicht mehr neu gebaut. Der letzte war vermutlich der Haubarg Vester Anflod, den der Nationalfriese Cornelius Petersen nach einem Entwurf des Husumer Architekten Georg Rieve 1914 in Mögeltondern errichten lieĂ. Das stattliche GebĂ€ude brannte 1950 ab.[3]
Als in der Zeit des Nationalsozialismus der damalige Adolf-Hitler-Koog in Dithmarschen eingedeicht wurde, um dort eine germanische Mustersiedlung zu erschaffen, orientierten sich die gebauten HĂ€user am ostfriesischen Gulfhaus, so wie es im 19. Jahrhundert in Dithmarschen ĂŒblich geworden war. Im TĂŒmlauer Koog baute man 1935 ebenfalls GulfhĂ€user, die sich jedenfalls Ă€uĂerlich dem Haubarg angliederten. In den ĂŒbrigen Kögen wurden dagegen Bauernhöfe nach nordfriesischem Muster mit Querdielen und hollĂ€ndischen ZiegeldĂ€chern errichtet.[4]
Gab es 1860 noch 360 Haubarge, sind 2008 nur noch etwa 100 erhalten. Waren Haubarge ursprĂŒnglich aufgrund ihrer ökonomischen ZweckmĂ€Ăigkeit gebaut worden, sind sie mittlerweile zu teuer fĂŒr ihre landwirtschaftlichen Besitzer geworden. Besonders das Reetdach, das oft um 1.000 mÂČ hat, ist in seiner Erhaltung sehr teuer. Deshalb weichen die meisten Bauern auf andere GebĂ€ude fĂŒr ihren Betrieb aus. Die Haubarge werden an andere, meist auswĂ€rtige EigentĂŒmer abgegeben, die zwar die Fassade erhalten, im Innenraum aber oft zu anderer Nutzung groĂzĂŒgige Umbauten vornehmen. Einzelne Haubarge in Privatbesitz lassen sich auch von innen besichtigen.
Bekanntester historischer Haubarg ist der Rote Haubarg, mit 99 Fenstern, in der NĂ€he von Witzwort. Neben einer Gastronomie in den historischen RĂ€umen beinhaltet er ein Museum, das einen Einblick in die Lebens- und Arbeitswelt der ehemaligen Bewohner gibt. Der Tofthof in Westerhever ist einer der wenigen Haubarge, die 2005 noch landwirtschaftlich genutzt wurden. In dem Haubarg Die Riep bei Oldenswort wurde der Soziologe Ferdinand Tönnies geboren. Ein weiterer gut erhaltener und der Ăffentlichkeit zugĂ€nglicher Haubarg ist der Mars-Skipper-Hof in KotzenbĂŒll.
AuĂerhalb Eiderstedts befindet sich ein wiederaufgebauter Haubarg aus Witzwort heute im Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel. Einer der Ă€ltesten Haubarge (GĂ„rden Rothelau) aus der NĂ€he Tönnings wurde 1956 vom DĂ€nischen Nationalmuseum erworben und ist seit 1960 im Freilichtmuseum im dĂ€nischen Lyngby aufgebaut.[5] Es gibt vereinzelte Haubarge in Ramstedt (GroĂ-Mittelburg), Seeth und Bohmstedt (Arlewatthof). Ein Haubarg, der heute als Wohnhaus genutzt wird, steht auf der Nordseeinsel Föhr. Er wird von den EigentĂŒmern auf ein Alter von mindestens 200 Jahren geschĂ€tzt. Einzelne Haubarge auf Nordstrand, Pellworm und in den nordfriesischen Kögen sowie die frĂŒher weitverbreitete Haubargscheunen in Dithmarschen sind fast restlos verschwunden.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Ludwig Fischer: Haubarge. Ein Bauernhausform hat abgewirtschaftet?, Bredstedt 1984, 4. Aufl. 1991 (Schriften der Interessengemeinschaft Baupflege e. V., Bd. 1).
- Otto S. Knottnerus: Haubarg, Barghaus, Bargscheune und ihre mittelalterlichen VorlĂ€ufer: Materialien zur Vorgeschichte der Gulfscheune. In: Probleme der KĂŒstenforschung im sĂŒdlichen Nordseegebiet 32 (2008), S. 105â125, auch in: Der Maueranker: Baupflege in Nordfriesland, Dithmarschen und Angeln 30 (Oktober 2011), Heft 3, S. 7â29 (Literaturverzeichnis online).
- Rolf Kuschert: Der Rote Haubarg. Baudenkmal und Museum in Witzwort in der Landschaft Eiderstedt, Husum 1990, 4. Auflage 1996 (Schriften des Kreisarchivs Nordfriesland SchloĂ vor Husum, Band 13).
- Rudolf MuuĂ: Der Eiderstedter Haubarg, hrsg. v. Ludwig Fischer unter Mitarbeit von Johannes MatthieĂen und Thomas Steensen, Nordfriisk Instituut, BrĂ€ist/Bredstedt 2022, ISBN 978-3-88007-440-8.
- Mikel Vendborg Pedersen: Diger, kreaturer og tekopper. Frilandsmuseets haubarg Rothelau og landskabet Ejdersteds bondeelite. In: Nationalmuseets Arbejdsmark (2003), S. 27â47
- Mikel Vendborg Pedersen: Ejdersted. Skitser fra et landskab 1650-1980. Frilandsmuseet, Lyngby 2004
- Friedrich Saeftel: Haubarg und Barghus, die friesischen GroĂhĂ€user an der schleswig-holsteinischen WestkĂŒste, Heide 1931.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Haubarge in historischen Aufnahmen
- Drei Haubarge ( vom 7. MĂ€rz 2009 im Internet Archive) in Welt
- Der Haubarg im Frilandsmuseet in DĂ€nemark
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â BauernhĂ€user der Wilstermarsch - Zeichnungen, mein-wilster.de
- â Möglicherweise handelt es sich jedoch um das niederdeutsche Huuv ('Haube').
- â Henrik J. MĂžller: Vester Anflod. Historkatlas.dk, abgerufen am 22. August 2022.
- â Richard Brodersen: Der Marschenverband Schleswig-Holstein e. V. und sein Wirken fĂŒr die Besiedlung und Baugestaltung in den neuen Kögenâ, in: Die KĂŒste 9 (1961), S. 72â104.
- â Nationalmuseets Frilandsmuseet: MarskgĂ„rd fra Ejdersted, Slesvig