Prooemion

Prooemion ist der Titel eines Gedichts von Johann Wolfgang von Goethe, das im MĂ€rz 1816 entstand und 1817 als Einleitung seiner Schriftenreihe Zur Naturwissenschaft ĂŒberhaupt veröffentlicht wurde. In der Ausgabe letzter Hand leitete es 1827 die Gruppe Gott und Welt ein, in der sich Gedichte mit ĂŒberwiegend religiöser und naturwissenschaftlicher Thematik finden.
Mit dem feierlichen Anklang an die trinitarische Formel gehört es zu seiner weltanschaulichen Lyrik, in der er bestimmte Ansichten bĂŒndig-belehrend formulierte und symbolische Motive verwendete, die in vielen Alterswerken zu finden sind.
Inhalt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Gedicht besteht aus zwei fĂŒnfhebigen, jambischen und paarweise gereimten Strophen. Der zweite Abschnitt ist um ein Verspaar erweitert. Es lautet:[1]
Im Namen dessen, der sich selbst erschuf!
Von Ewigkeit in schaffendem Beruf;
In Seinem Namen, der den Glauben schafft,
Vertrauen, Liebe, TĂ€tigkeit und Kraft;
In jenes Namen, der, so oft genannt,
Dem Wesen nach blieb immer unbekannt:
Soweit das Ohr, soweit das Auge reicht,
Du findest nur Bekanntes, das ihm gleicht,
Und deines Geistes höchster Feuerflug
Hat schon am Gleichnis, hat am Bild genug;
Es zieht dich an, es reiĂt dich heiter fort,
Und wo du wandelst, schmĂŒckt sich Weg und Ort;
Du zÀhlst nicht mehr, berechnest keine Zeit,
Und jeder Schritt ist UnermeĂlichkeit.
Hintergrund und Besonderheiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In den weltanschaulichen Altersgedichten Goethes erscheinen alle irdischen PhĂ€nomene als Zeichen einer höheren Wirklichkeit, die immer nur angedeutet und nicht in GĂ€nze erkannt werden kann. So sieht das âsonnenhafteâ Auge immer nur die Farbe, nicht aber das Urlicht selbst.
Diese Eigenschaft deutet er mit der Bezeichnung âGleichnisâ oder âAbglanzâ fĂŒr Dinge an, die ĂŒber sich hinaus in eine andere SphĂ€re verweisen.[2] Der eben erwachte Faust blickt in die Sonne und muss sich geblendet abwenden, erkennt aber den im Sonnenlicht glitzernden Wasserfall â âAm farbigen Abglanz haben wir das Leben.â[3] Die in der zweiten Strophe zu findende Bezeichnung findet sich auch in den berĂŒhmten Worten âAlles VergĂ€ngliche ist nur ein Gleichnisâ am Ende des zweiten Teils seiner Faust-Tragödie.[4]
Goethe verwandelt die trinitarische Formel (âIm Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistesâ) in eine eigene religiöse Wendung. âIm Namen dessen, der sich selbst erschafftâ deutet dabei zugleich auf die Einzelheiten, die in der zweiten Strophe entfaltet werden, wonach in der sichtbaren Welt das Göttliche nur unentwegt variiert wird.[5]
Interpretation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vom Urheber des sinnvoll geordneten Ganzen gehen nach Auffassung Karl Otto Conradys auch die grundlegenden Einstellungen wie Glauben und Vertrauen, Liebe und TĂ€tigkeit aus, die das menschliche Leben mit Sinn erfĂŒllen.[6]
Hermann Kurzke hebt hervor, dass Goethe auf das in vielen Werken missbrauchte Wort âGottâ verzichtet hat. Der in Religionsfragen diskrete Dichter heuchle âkeine Vertrautheit mit dem Höchstenâ, indem dieser bei ihm âimmer unbekanntâ bleibe. Eckermann gegenĂŒber habe Goethe von denen abfĂ€llig gesprochen, die Gott unentwegt im Munde fĂŒhren und damit beweisen wĂŒrden, von seiner GröĂe nicht durchdrungen zu sein. Wer das höchste Wesen erkannt habe, schweige und wolle es aus Verehrung nicht nennen.[7]
Mit seinem feierlichen Pathos ist das Werk fĂŒr Kurzke aber keineswegs zurĂŒckhaltend, traue Goethe sich doch zu, von einer quasireligiösen Berechtigung aus im Namen des Unbekannten zu sprechen, als dessen Beauftragter er sich wĂ€hne.
In der vergĂ€nglichen Welt des Sichtbaren muss somit das Ewige und Unsichtbare gesucht werden. Dabei kann der âhöchste Feuerflugâ des Geistes nicht Gott selbst, sondern immer nur seine Abbilder in der schon bekannten Welt finden. Trotz dieser ernĂŒchternden Einsichten findet Kurzke einen Trost: Die Begrenztheit des forschenden Menschen, das Höchste selbst zu erkennen, braucht ihn nicht niederzudrĂŒcken, sondern kann aktivierend und beglĂŒckend wirken, da die Bilder und Gleichnisse âgenugâ sind, den Forscher antreiben und ihn âheiter fortreiĂenâ können. Der Mensch sei nicht dazu bestimmt, das gnadenlose Licht des Absoluten zu erblicken, sondern nur dessen farbige Spiegelungen in der Wirklichkeit.[8]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk, Gott und Natur. Weltanschauliche Gedichte, Patmos, DĂŒsseldorf 2006, ISBN 3-491-69136-2, S. 909â910
Vertonungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Siegmund von Hausegger, Natursymphonie, in vier SĂ€tzen, mit Schlusschor ĂŒber Goethes Prooemion (1911)
- Julius Röntgen, Symphonie nr. 20, Mit Schlusschor ĂŒber Goethe's Pröoemion (1931)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Johann Wolfgang von Goethe, Prooemion. In: Goethes Werke, Gedichte und Epen I, Hamburger Ausgabe, Band I, C.H. Beck, MĂŒnchen 1998, S. 357
- â Erich Trunz. In: Johann Wolfgang von Goethe, Goethes Werke, Anmerkungen, Hamburger Ausgabe, Band I, C.H. Beck, MĂŒnchen 1998, S. 715
- â Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil. In: Goethes Werke, Dramatische Dichtungen I, Hamburger Ausgabe, Band III, C.H. Beck, MĂŒnchen 1998, S. 149
- â Erich Trunz. In: Johann Wolfgang von Goethe, Goethes Werke, Anmerkungen, Hamburger Ausgabe, Band I, C.H. Beck, MĂŒnchen 1998, S. 715
- â Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk, Gott und Natur. Weltanschauliche Gedichte, Patmos, DĂŒsseldorf 2006, S. 909
- â Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk, Gott und Natur. Weltanschauliche Gedichte, Patmos, DĂŒsseldorf 2006, S. 910
- â Hermann Kurzke, ForscherglĂŒck . In: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.), 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen, Zweiter Band, Johann Wolfgang von Goethe. Insel-Verlag, Frankfurt am Main / Leipzig 1995, S. 388
- â Hermann Kurzke, ForscherglĂŒck . In: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.), 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen, Zweiter Band, Johann Wolfgang von Goethe. Insel-Verlag, Frankfurt am Main / Leipzig 1995, S. 389