Psalm 110

Der 110. Psalm (Psalm 109 nach Zählung der Septuaginta und Vulgata) ist ein Psalm aus dem biblischen Buch der Psalmen. Er ist David zugeordnet und gehÜrt zur Gruppe der KÜnigspsalmen. Wegen seines messianischen Gehalts ist er der am häufigsten zitierte alttestamentliche Text im Neuen Testament.[1]
Text, Struktur und Inhalt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| lateinisch | deutsch |
|---|---|
|
|
Der Psalm ist hinsichtlich seines Inhalts und seiner TextĂźberlieferung einer der schwierigsten Texte des Psalters. So stellt Hans-Joachim Kraus fest: âKein Psalm hat in der Forschung so viele Hypothesen und Diskussionen ausgelĂśst wie der 110. Psalmâ.[2]
Der Psalm lässt sich in zwei Teile unterteilen, wobei die als Gotteswort erscheinenden Einleitungsformeln in Vers 1 und 4 strukturbildend sind:[3]
- Vers 1â3 EU: Als prophetische Zusage (âSpruch JHWHsâ)[4] formulierte VerheiĂung des Sprechers an den KĂśnig Israels, der an der Rechten Gottes Ăźber seine Feinde herrschen soll
- Vers 4â7 EU: Beschreibung des siegreichen Kampfes des KĂśnigs, der als ewiger Priester ânach der Art Melchisedeksâ bezeichnet wird.
Besonders umstritten ist bereits die Frage, wer der Sprecher in Vers 1 ist. Traditionelle Auffassungen nehmen den Beginn des Psalms âvon Davidâ wĂśrtlich und sehen KĂśnig David als Beter, der einen Gottesspruch zitiert und von âseinem Herrnâ als einem Dritten redet. Demnach wĂźrde eine David Ăźbergeordnete herrscherliche Gestalt existieren, die zur âRechten Gottesâ säĂe. In der historisch-kritischen Exegese wird jedoch angenommen, dass es sich beim Beter um eine fiktive Gestalt handelt, die als Hof- oder Kultsprecher dem israelitischen KĂśnig als âseinem Herrnâ einen Gottesspruch Ăźbermittelt. Danach handelt es sich bei der Gestalt zur Rechten Gottes um den idealtypischen israelitischen KĂśnig selbst, der in der Weise Davids den Thron innehat.[5] Der Psalm dokumentiert jedoch wohl kaum ein eigenes Thronbesteigungsfest, wie es gelegentlich angenommen wird.[6]
Die hoheitlichen Bilder im ersten Teil des Psalms sind aus der altorientalischen Ikonografie vertraut. Dazu gehĂśrt die Vorstellung von den besiegten Feinden als âFuĂschemelâ (Vers 1) und auch der âStabâ in Vers 2 als Sinnbild der Macht des KĂśnigs, das sich schon in älterer babylonischer und assyrischer Zeit findet.[7]
Das Verständnis von Vers 3 bereitet auĂerordentliche Schwierigkeiten, weil der hebräische Konsonantenbestand keinen eindeutigen Sinn ergibt. Erich Zenger präferiert den Ăźberlieferten masoretischen Text, den er jedoch fĂźr das Ergebnis einer redaktionellen Ăberarbeitung hält, und Ăźbersetzt
âDein Volk ist bereitwillig am Tag deiner Macht in heiligem Schmuck. Aus dem SchoĂ der MorgenrĂśte kommt dir der Tau deiner Jugend zu.â[8]
Andere Rekonstruktionsversuche kommen zu alternativen Lesarten, die zu teilweise erheblich abweichenden Ăbersetzungen fĂźhren.
Der zweite Teil des Psalms spricht dem KĂśnig dauerhafte priesterliche WĂźrde zu. Dazu wird an den Jerusalemer PriesterkĂśnig Melchisedek aus vorisraelitischer Zeit erinnert, der in Gen 14,17â20Â EU Abraham segnet.
Auch die Bedeutung des letzten Psalmverses ist umstritten, insofern Unsicherheit besteht Ăźber das handelnde Subjekt. Von einigen Exegeten wird hier ein weiterer Inthronisierungsritus des davidischen KĂśnigs gesehen.[9] Das wĂźrde jedoch einen Subjektwechsel zwischen Vers 4â6 (JHWH als Handelnder) und Vers 7 (der PriesterkĂśnig als Handelnder) voraussetzen, fĂźr den es im Text keine weiteren Anzeichen gibt. So kann das Bild vom âTrinken aus dem Bach am Wegâ auch JHWH als den siegreichen Krieger bezeichnen, der nach erfolgreicher Schlacht seine Ăberlegenheit zeigt.[10]
Datierung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Psalm wird in seinem ersten Teil meist in die vorexilische Zeit Israels datiert, bisweilen sogar ganz in die älteste KĂśnigszeit.[11] Der Vergleich mit anderen KĂśnigspsalmen aus vorexilischer Zeit (Ps 18 EU, Ps 21 EU, Ps 2 EU), die den KĂśnig selbst als Kämpfer zeigen, legt nach Erich Zenger eine spätere Entstehungszeit nahe, in der JHWH als âKriegsmannâ vorgestellt wird. Das Bild des vordavidischen PriesterkĂśnigs Melchisedek und der Schwur Gottes, das KĂśnigtum zu erhalten (Vers 4), weisen ebenso in nachexilische Zeit, in der die messianische Wiederherstellung des KĂśnigtums erwartet wurde.[12] Eine Datierung erst in die makkabäische Epoche wird heute nicht mehr vertreten.
Bedeutung im Neuen Testament
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Der erste Vers des Psalms spielt fĂźr das gesamte Neue Testament eine auĂerordentlich wichtige Rolle[13] und gehĂśrt zu den meistzitierten alttestamentlichen Versen im Neuen Testament.[14] Dabei werden dessen Aussagen christologisch gedeutet: Jesus Christus sitze nach seiner ErhĂśhung âzur Rechten Gottesâ (Mk 12,36 EU, 14,62 EU) und Gott lege ihm âseine Feinde zu FĂźĂenâ (Lk 20,41â44 EU, 1 Kor 15,25 EU). Jesus deutet den ersten Vers des Psalms als prophetische Aussage Davids, wobei er selbst der Herr ist, der zur Rechten Gottes, des Herrn, sitzt.
DarĂźber hinaus wird im Hebräerbrief der Psalm herangezogen, um die Verleihung des Titels âHohepriesterâ an Jesus anhand der Schrift zu rechtfertigen.[15] Besonders Ps 110,4 EU wird häufig zitiert:
- Hebr 5,1â6Â EU hebt die Entsprechung des Priestertums Christi zum levitischen Priestertum hervor: Aaron und Christus wurden beide von Gott berufen und ins Amt eingesetzt.
- Hebr 6,20Â EU betont die Ewigkeit dieses Priestertums.
- Hebr 7Â EU identifiziert das Priestertum Christi mit dem Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks und stellt dessen Vorzug gegenĂźber dem levitischen Priestertum heraus. Melchisedek sei selbst Abraham als dem Stammvater der Leviten Ăźbergeordnet (Hebr 7,4â7Â EU) und durch einen âSchwurâ Gottes legitimiert und herausgehoben (Hebr 7,17â24Â EU).
Auf diese Argumentation stĂźtzt der Hebräerbrief die Ansicht, der Bund in Jesus Christus sei der âbessere Bundâ (Hebr 7,22 EU).
Diese herausragende Hochschätzung des Psalms im Neuen Testament hat seinen Niederschlag auch im christlichen Apostolischen Glaubensbekenntnis gefunden, wo es in Anspielung auf Vers 1 vom in den Himmel aufgefahrenen Christus heiĂt:[1]
âEr sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.â
Kirchenmusik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Psalm 110 (Vulgata 109 Dixit Dominus Domino meo) gehĂśrt zur klassischen Reihe der Sonntagsvesperpsalmen und damit zu den meistvertonten biblischen Texten. Er wurde u. a. von Georg Friedrich Händel vertont (Dixit Dominus (Händel)), auĂerdem zum Beispiel von Claudio Monteverdi (in seiner Marienvesper SV 206 und in seiner Selva morale e spirituale SV 252â288), Johann RosenmĂźller (mindestens sechsmal als eigenständiges Werk), Antonio Lotti (mindestens sechsmal), Antonio Vivaldi (mindestens dreimal: RV 594, 595 und 807), Alessandro Scarlatti, Nicola Antonio Porpora, Jan Dismas Zelenka (viermal: Z 66, 67, 68 und 69), Wolfgang Amadeus Mozart (dreimal als Bestandteil von seinem Dixit & Magnificat KV 193, seinen Vesperae de Dominica KV 321 und seinen Vesperae solennes de Confessore KV 339).
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Hermann Gunkel: Die Psalmen. 6. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, GÜttingen 1986, ISBN 3-525-51653-3, S. 481 ff.
- Ferdinand Hahn: Christologische Hoheitstitel. Ihre Geschichte im frĂźhen Christentum. 5. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, GĂśttingen 1995, ISBN 3-8252-1873-2.
- Martin Hengel: Psalm 110 und die ErhĂśhung des Auferstandenen zur Rechten Gottes. In: Cilliers Breytenbach, Henning Paulsen (Hrsg.): Anfänge der Christologie, Festschrift fĂźr Ferdinand Hahn zum 65. Geburtstag. Vandenhoeck & Ruprecht, GĂśttingen 1991, ISBN 3-525-58157-2, S. 43â74.
- Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150 (Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament). Herder, Freiburg/Basel/Wien 2008, ISBN 978-3-451-26827-4, S. 195â218.
- Hans-Joachim Kraus: Psalmen 60â150. 2. Teilband (= Biblischer Kommentar Altes Testament. Band 15/2). 8. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2003, ISBN 3-7887-2028-X, S. 925â938.
- Miriam von Nordheim: Geboren von der MorgenrĂśte? Psalm 110 in Tradition, Redaktion und Rezeption (= Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament. Band 118). Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2008, ISBN 978-3-7887-2276-0.
- Angela Rascher: Schriftauslegung und Christologie im Hebräerbrief (= Beihefte zur Zeitschrift fßr die Neutestamentliche Wissenschaft. Band 153). Walter de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019697-9.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Psalm 110 in der EinheitsĂźbersetzung, der Lutherbibel und weiteren Ăbersetzungen aus bibleserver.com
- Psalm 110 in der Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) auf bibelwissenschaft.de
- Gemeinfreie Noten von Vertonungen zu Psalm 110 in der Choral Public Domain Library â ChoralWiki (englisch)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Miriam von Nordheim: Geboren von der MorgenrĂśte? S. 1.
- â Hans-Joachim Kraus: Psalmen. 2. Teilband Psalmen 50â150. S. 928.
- â Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150. S. 203.
- â Hermann Gunkel, Die Psalmen (61986), 481ff.
- â Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150. S. 206.
- â Hans-Joachim Kraus: Psalmen. 2. Teilband Psalmen 50â150. S. 930.
- â Bruno Meissner: Babylonien und Assyrien (1920), 50.70.262
- â Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150. S. 197.
- â Hans-Joachim Kraus: Psalmen. 2. Teilband Psalmen 50â150. S. 936.
- â Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150. S. 213.
- â Hans-Joachim Kraus: Psalmen. 2. Teilband Psalmen 50â150. S. 930.
- â Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150. S. 204â205.
- â Ferdinand Hahn: Christologische Hoheitstitel, S. 127.
- â Martin Hengel, Psalm 110 und die ErhĂśhung des Auferstandenen zur Rechten Gottes, S. 43.
- â Angela Rascher: Schriftauslegung und Christologie im Hebräerbrief, S. 118f.