Zum Inhalt springen

Witbooi

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
Hendrik Witbooi mit seiner Familie (zw. 1894 und 1904)

Die Witbooi, eigentlich ǀKhowesinKlicklaut, gehören zu den Orlam (Nauba-xu gye ǀki-khoen), welche wiederum aus der Verbindung von am Kap ansĂ€ssigen NiederlĂ€ndern und Nama-Frauen (oftmals abschĂ€tzig auch Hottentotten genannt) hervorgegangen sind. Ähnlich den Afrikanern (ǃGĂ»-ǃgĂŽun) hatten auch die Witbooi durch ihre TĂ€tigkeit im Umfeld der NiederlĂ€nder vielfach Lesen und Schreiben gelernt, gewisse Kenntnisse in der Landwirtschaft erworben und zu einem Teil beherrschten sie auch den Umgang mit Gewehren. Witboois, wie auch ihr ehemaliger Kaptein Hendrik Witbooi im Bild rechts, tragen weiße, verknotete TĂŒcher um die Kalotte und Krempe ihrer HĂŒte, um sich von anderen Nama zu unterscheiden. Daraus bzw. sich auf Kontakte mit Weißen beziehend hat sich auch der Name des Familienverbands entwickelt: Witbooi bedeutet wörtlich „weißer Junge“. Ein anderer Nama-Clan, der als Swartbooi, also „schwarzer Junge“, bezeichnet wird, verdankt dies einer Ă€hnlichen Zuschreibung.[1]

Die NÀhe zu den niederlÀndischen Seeleuten wurde auch dadurch deutlich, dass die HÀuptlinge der Witbooi KapitÀn oder Kaptein genannt wurden. Auf Grundlage der Nachfolgeregelung aus dem Jahr 1940 obliegt die Benennung des Kaptein namentlich genannten Personen. Hiervon lebt nur noch die Àlteste Schwester von Politiker Hendrik Witbooi, Alwina Petersen, die am 3. Oktober 2015 Salomon Witbooi als wahrscheinlich letzten Kaptein in der Geschichte der Orlam-Witboois einsetzte.[2]

Im ausgehenden 18. Jahrhundert war Pella, sĂŒdlich des Oranje, das Hauptsiedlungsgebiet der Witbooi. Dort wuchs auch der 1780 geborene spĂ€tere Kaptein der Nama Kido Witbooi (ǂA-ǁĂȘib) auf. Er unterhielt sehr enge Beziehungen zu den benachbarten Afrikanern, namentlich zu deren Kapteinssohn Jonker Afrikaner (ǀHara-mĂ»b). Diese gingen so weit, dass sich beide wechselseitig versprachen, das Volk des anderen zu ĂŒbernehmen, wenn sich nach dem Tode von einem der beiden kein geeigneter Nachfolger finden lasse.

Die Witbooi wanderten als letzter Orlam-Stamm um 1850 ĂŒber den Oranje nach SĂŒdwest-Afrika ein und unterwarfen sich dem Weisungsrecht des in Hoachanas ansĂ€ssigen Oberkaptein der Roten Nation (ǀKaiǁkhaun). Nach 13-jĂ€hriger Wanderschaft fanden die Witbooi erst 1863 einen bleibenden Stammessitz bei Gibeon (ǁKaras-Region, ca. 60 km sĂŒdlich von Mariental). Dort allerdings musste sich ihr Kaptein, Kido Witbooi, mehrerer ÜberfĂ€lle der Nama aus Hoachanas unter ihrem Oberkaptein Oasib (ǃNa-khomab) erwehren. Die KĂ€mpfe endeten erst – nach dem Tode Oasibs – durch den Friedensschluss von Hoachanas im Dezember 1867, in dem die Vorherrschaft der Nama ĂŒber die Orlam-StĂ€mme endgĂŒltig beendet wurde.

Die ĂŒberaus erfolgreiche FĂŒhrerschaft des KapitĂ€n Kido Witbooi wurde 1875 durch dessen Sohn Moses Witbooi (ǀGĂąbeb ǃA-ǁßmab) und – nach dessen gewaltsamem Tod 1888 – durch dessen Enkel Hendrik Witbooi (ǃNanseb ǀGabemab) fortgefĂŒhrt. Das erste Gefecht Witboois fand gegen die Schutztruppe 1893 bei Hornkranz statt.[3] Nach letztlich erfolglosem Aufbegehren gegen die deutsche Kolonialherrschaft (Deutsch-SĂŒdwestafrika) schloss Hendrik Witbooi 1894 einen Friedens- und Schutzvertrag mit der deutschen Kolonialmacht, worin er sich auch zur aktiven UnterstĂŒtzung der Schutztruppe verpflichtete. Entsprechend dieser Verpflichtung kĂ€mpften die Witbooi bei der Schlacht am Waterberg 1904 deshalb auch auf deutscher Seite gegen die Herero. Erst nach den dabei zutage tretenden Grausamkeiten wandten sich die Witbooi von den Deutschen ab und begannen ihrerseits im Oktober 1904 den als Namakrieg bekannt gewordenen Aufstand gegen die deutsche Kolonialmacht.

Im Verlauf des Namakrieges erlitten die Witbooi schwere Verluste und auch Hendrik Witbooi fiel 1905. Der Krieg wurde von Jakobus Morenga und Simon Kooper (ǃGomxab), einem Fransman-Nama (ǃKhara-khoen), sowie dem Sohn Hendrik Witboois, Isaak Witbooi (ǃNanseb ǂKharib ǃNansemab), zunĂ€chst fortgefĂŒhrt, bis auch sie im Dezember 1905 die Waffen strecken mussten. Morenga und Kooper jedoch setzten den Widerstand bis zu ihrem Tode 1907 und 1908 fort. Viele der gefangengenommenen Witbooi wurden als Arbeitssklaven nach Deutsch-Ostafrika verschifft, wo viele von ihnen umkamen. Erst auf internationalen Protest hin wurden sie 1913 nach SĂŒdwestafrika rĂŒckgefĂŒhrt. Ihre Nachkommen leben auch heute noch nahe ihrem ursprĂŒnglichen Stammesgebiet bei Gibeon.

  • Jeremy Silvester: Re-Viewing Resistance In Namibian History. Windhoek 2015, ISBN 978-99916-42-27-7.
  • Victor L. Tonchi et al.: Historical Dictionary of Namibia. Scarecrow, Lanham, Toronto, Plymouth 2012, ISBN 978-0-8108-5398-0.
  • Guy Lamb: Civil Supremacy of the Military in Namibia. An Evolutionary Perspective. Kapstadt 1998.
  • Tilman Dedering: Hate the old and follow the new. Khoekhoe and missionaries in early nineteenth century Namibia. Steiner, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-06872-4.
  • Ludwig Helbig, Werner Hillebrecht: The Witbooi. Longman, Windhoek 1992, ISBN 99916-1-000-6.
Commons: Hendrik Witbooi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Brigitte Weidlich, Namibians pay homage to chief who fought Germans (englisch)
  2. ↑ Salomon Witbooi new /Khowese Captain. Lela Mobile, 5. Oktober 2015. (Memento des Originals vom 2. MĂ€rz 2019 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  3. ↑ AN ENIGMATIC RETURN TO HORNKRANZ. Namibia Press Agency, 10. MĂ€rz 2019.