Wu Ming

Wu Ming (= auf Mandarinchinesisch je nach dem Ton des âwuâ entweder âohne Namenâ oder âfĂŒnf Namenâ) ist der Name eines ursprĂŒnglich (2001 â FrĂŒhling 2008) aus fĂŒnf Mitgliedern bestehenden italienischen Schriftstellerkollektivs,[1] das im Jahr 2000 aus dem Luther Blissett Project hervorging. Das Autorenkollektiv ordnet sich in politischer Hinsicht den neuen sozialen Bewegungen zu. Die Gruppe lebt und arbeitet in Bologna.
Die Mitglieder des Autorenkollektiv lehnen es zwar ab, sich fotografieren und filmen zu lassen und zeigen auch auf ihrer Webseite keine Bilder von sich, fĂŒhrten und fĂŒhren aber in Italien umfangreiche Lesereisen durch, so dass ihre Mitglieder durchaus bekannt sind:
- Roberto Bui (Wu Ming 1)
- Giovanni Cattabriga (Wu Ming 2)
- Luca Di Meo (Wu Ming 3 â bis FrĂŒhling 2008)
- Federico Guglielmi (Wu Ming 4)
- Riccardo Pedrini (Wu Ming 5)
Wu Ming 3, Luca Di Meo, verlieĂ die Gruppe nach Meldung der Newsletter der Gruppe Giap vom 16. September 2008 aus persönlichen GrĂŒnden im FrĂŒhling 2008.[2] Im August 2023 wurde bekannt, dass er am 30. Juli desselben Jahres in Bologna verstorben ist.[3]
Standpunkte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Arbeitsweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In ihrer kollektiven Arbeitsweise thematisieren und negieren sie auch die Idee des Autors. Sie beharren darauf, dass es ihn eigentlich nicht gibt, und dass Schreiben â wie auch jede andere Form menschlichen Handelns â immer etwas Kollektives ist. Wenn dem so ist, ist es eine logische Konsequenz, dass niemand ein Urheberrecht, also den Anspruch auf geistiges Eigentum, fĂŒr sich reklamieren kann.
Inhaltlich spielen alternative Geschichtsmodelle eine Rolle, die der offiziellen Geschichtsschreibung gegenĂŒberstehen. Nicht die Herren und Kaiser seien TrĂ€ger der Geschichte, sondern jeder Einzelne, die Multitude im Sinne Spinozas und spĂ€ter Antonio Negris/Michael Hardts in Empire.
Politische ĂuĂerungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der COVID-19-Pandemie kritisierte das Kollektiv das Pandemiemanagement der italienischen Regierung und den sogenannten Green Pass. Zwar befĂŒrworteten alle Mitglieder die Impfung, kritisierten aber die ungleichen Auswirkungen auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen und das einhergehende Potential fĂŒr rechte Agitation.[4]
Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einige Romane der Gruppe â vor allem sind hier Asce di Guerra (Kriegsbeile), 54 (auf Deutsch erschienen 2015) und Q (das lange Zeit einzige ins Deutsche ĂŒbersetzte Werk, 2002 bei Piper) zu nennen â werden ohne Urheberrecht vertrieben und sind auf der Homepage kostenlos herunterladbar.
â54â spielt im Jahr 1954 an verschiedenen SchauplĂ€tzen, zu einem GroĂteil aber im Milieu der ehemaligen KĂ€mpfer der Resistenza in Italien und im Schmugglermilieu. Die Geschichte handelt an vielen verschiedenen Orten und nur manchmal kreuzen sich diese ErzĂ€hlstrĂ€nge. So spielt auch Cary Grant eine wichtige Rolle, der von den Briten angeheuert wird, um in einem Film Tito darzustellen.
Der Roman 54 beginnt mit den Worten Es gibt keine Nachkriegszeit. Dazu von Radek Krolczyk befragt, erklÀrte Wu Ming 2: Im Augenblick des Ausgangs des Zweiten Weltkrieges explodieren die postkolonialen Konflikte. Der Krieg endet nicht, er wechselt nur das Territorium. Und Wu Ming 5 ergÀnzte: Wo der Frieden beginnt, setzt sich der Krieg entlang einer vertikalen Linie fort: gegen Subalterne, gegen Arbeiter und gegen die Armen. Vielleicht sind nicht einmal mehr Waffen notwendig. Es bleibt aber Krieg. Es findet nur eine Verschiebung statt.[5]
Ufo 78
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]âUfo 78â ergrĂŒndet anhand vermehrter UFO-Sichtungen wĂ€hrend der EntfĂŒhrung Aldo Moros 1978 den gesellschaftlichen Eskapismus in Krisenzeiten. Dabei werden die BezĂŒge zum Verschwörungsglaube wie auch zum Utopismus herausgearbeitet.[6][7]
Werkliste
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Romane
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Italien erschienen:
- Q, noch als Luther Blissett, Turin, Einaudi, 1999, ISBN 88-06-14740-4
- deutsch: Q, Hamburg, Assoziation A, 2016, ISBN 978-3-86241-450-5
- Asce di guerra, mit Vitaliano Ravagli, Mailand, Tropea, 2000, ISBN 88-438-0269-0
- deutsch: Kriegsbeile. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold, Berlin, Assoziation A, 2017, ISBN 978-3-86241-459-8
- 54, Turin, Einaudi, 2002, ISBN 88-06-16203-9
- deutsch: 54, Berlin, Assoziation A, 2015, ISBN 978-3-86241-441-3
- Manituana, Turin, Einaudi, 2007, ISBN 978-88-06-18584-8
- deutsch: Manituana. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold, Berlin, Assoziation A, 2018, ISBN 978-3-86241-465-9.
- Altai, Turin, Einaudi, 2009, ISBN 978-88-06-19896-1 (Folgeband zu Q)
- deutsch: Altai. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold, Berlin, Assoziation A, 2016, ISBN 978-3-86241-452-9.
- L'armata dei sonnambuli, Turin, Einaudi Stile Libero Big, 2014, ISBN 978-88-06-21413-5
- deutsch: Die Armee der Schlafwandler. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold, Berlin, Assoziation A, 2020, ISBN 978-3-86241-474-1.
- Ufo 78, Turin, Einaudi 2022, ISBN 978-8-806-24891-8.
- deutsch: Ufo 78. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold, Berlin, Assoziation A, 2023, ISBN 978-3-86241-500-7.
Kurzgeschichten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Previsioni del tempo, Mailand, Edizioni Ambiente, 2008, ISBN 978-88-89014-51-6; Turin, Einaudi, 2010. ISBN 978-88-06-20267-5
- Grand River. [Un viaggio], Mailand, Rizzoli, 2008, ISBN 978-88-17-02043-5
HörbĂŒcher
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Pontiac. Storia di una rivolta, mit Wu Ming 2, Giuseppe Camucoli und Stefano Landini, mit CD, Reggio Emilia, Vincent Books, 2010, ISBN 978-88-904980-0-8 (Text und Stimme von Wu Ming 2, Musik von Egle Sommacal, Paul Pieretto, Stefano Pilia, Federico Oppi. Illustrationen von Giuseppe Camuncoli und Stefano Landini)
- Basta uno sparo. Storia di un partigiano italo-somalo nella resistenza italiana, mit Wu Ming 2, mit CD, Massa, Transeuropa, 2010. ISBN 978-88-7580-099-4 (Text und Stimme von Wu Ming 2, Musik von Egle Sommacal, Paul Pieretto, Stefano Pilia, Federico Oppi)
Diskografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Yo Yo Mundi, 54, Materiali Musicali/CD del Manifesto, 2004 (Texte aus dem Roman 54, rezitiert von Marco Baliani, Giuseppe Cederna, Fabrizio Pagella und Francesco Di Bella von 24 Grana.)
- Skinshout (Francesco Cusa, Gaia Mattiuzzi, Xabier Iriondo), Altai, Improvvisatore Involontario, 2010, (Eine Art Soundtrack zum Roman Altai)
- Wu Ming Contingent, Bioscop, Woodworm Label, 2014
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Christina Schaefer: âWu Ming, New Italian Epic und der Entwurf eines neuen Italienâ, in: Una gente di lingua, di memorie e di cor. Italienische Literatur und schwierige nationale Einheit von Machiavelli bis Wu Ming, hrsg. v. Marc Föcking und Michael Schwarze, Winter, Heidelberg 2015, S. 187â204.
- Monica Biasiolo: âPrassi editoriale, posizione dellâautore e dati sul mercato. Il collettivo Wu Mingâ, in: «Studi medievali e moderni» XXVI, 1 (2022), S. 157â186.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- https://www.wumingfoundation.com â Blog der Gruppe, inklusive Texten zum Herunterladen
- Wu Ming ist viele â Radek Krolczyk in der Freitag ĂŒber Wu Ming (2013)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Interview von Radek Krolczyk mit Wu Ming 2 und Wu Ming 5: Es gibt keine Nachkriegszeit, in: konkret 6/2015, S. 53/54
- â âUn dispaccio col cuore in mano e l'anima oltre le fiammeâ, Giap no. 1, ninth series, September 2008.
- â On the Death of Luca di Meo, formerly Luther Blissett, formerly Wu Ming 3 (1964-2023). In: wumingfoundation.com. Abgerufen am 21. August 2023 (englisch).
- â Federica Matteoni: »Der Green Pass ist ein reines Propagandainstrument«. In: Jungle World. 11. November 2021, abgerufen am 19. Oktober 2022.
- â Interview von Radek Krolczyk mit Wu Ming 2 und Wu Ming 5: Es gibt keine Nachkriegszeit, in: konkret 6/2015, S. 53
- â Daniel Hackbarth: Ufologie und Klassenkampf: «Es war keine Verschwörung, sondern bloss Kapitalismus». In: WOZ Die Wochenzeitung. 2. Januar 2024, abgerufen am 4. Januar 2024.
- â Florian Schmid: Wu Mings »Ufo 78«: Wie links sind Ufos? In: nd-aktuell. 21. Oktober 2023, abgerufen am 4. Januar 2024.