Andreas Paulsen
Andreas Paulsen (* 4. MĂ€rz 1899 in Flensburg; â 14. Dezember 1977 in Berlin) war ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Rektor der Freien UniversitĂ€t Berlin, der als einer der einflussreichsten Vermittler der keynesianischen Wirtschaftslehre im deutschsprachigen Raum nach 1945 gilt.[1]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Studium der Volkswirtschaft in Leipzig und Kiel wurde Paulsen 1923 in Leipzig mit einer Arbeit ĂŒber Die Presse der freien Gewerkschaften promoviert. Er hatte zuvor neben Volkswirtschaftslehre auch Jura, Statistik und Zeitungskunde studiert und war SchĂŒler unter anderem von Karl BĂŒcher. AnschlieĂend arbeitete er in der Industrie- und Handelskammer Leipzig, bis weit in die 1930er Jahre in deren wissenschaftlichem Sekretariat, unter anderem auch als Abteilungsleiter Schulwesen und stellvertretender GeschĂ€ftsfĂŒhrer sowie als Pressereferent und Schriftleiter deren amtlichen Organs Mitteldeutsche Handels-Rundschau und spĂ€ter als GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Kammer bis 1945. Auf Wunsch der amerikanischen MilitĂ€rregierung amtierte er anschlieĂend bis 1946 als HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer der Wirtschaftskammer Leipzig.

Nach dem Krieg lehrte Paulsen als Dozent an der Hochschule fĂŒr Wirtschaftswissenschaften in Leipzig, habilitierte sich 1946 an der UniversitĂ€t Leipzig und erhielt die Lehrbefugnis fĂŒr Volkswirtschaftslehre. 1947 ĂŒbernahm er eine entsprechende Professur an der UniversitĂ€t Jena. Noch in Leipzig trat er in die SPD ein, wurde 1946 bei deren Zwangsvereinigung mit der KPD in die SED ĂŒbernommen, aus der er jedoch 1947 wieder austrat. Hintergrund seines Weggangs aus Jena waren zunehmende politische Repressionen; Paulsen lehnte die ideologisch geforderte marxistisch-leninistische Ausrichtung der Wirtschaftswissenschaft ab und sah sich von SED-Mitgliedern als âKlassenfeindâ behandelt.[2] 1948 verlieĂ er die sowjetische Besatzungszone in Richtung West-Berlin, wo er 1949 auf eine Professur fĂŒr Volkswirtschaft an der neu gegrĂŒndeten Freien UniversitĂ€t berufen wurde.[3] Von 1955 bis 1957 amtierte er dort als Rektor, von 1957 bis 1959 als Prorektor.[4] 1967 wurde Paulsen emeritiert; auf dem Lehrstuhl folgte ihm der Spieltheoretiker und spĂ€tere NobelpreistrĂ€ger Reinhard Selten. Im Ruhestand widmete sich Paulsen verstĂ€rkt philosophischen und theologischen Studien. Er ist auf dem Waldfriedhof Dahlem bestattet.
Wirken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Paulsen profilierte sich in der Nachkriegszeit in Lehre und Forschung als wichtiger Interpret und Vertreter der Wirtschaftslehre von John Maynard Keynes. Sein Buch Neue Wirtschaftslehre. EinfĂŒhrung in die Wirtschaftstheorie von John Maynard Keynes und die Wirtschaftspolitik der VollbeschĂ€ftigung (1950, mehrfach aufgelegt und ins Spanische ĂŒbersetzt) sowie das weit verbreitete vierbĂ€ndige Lehrbuch Allgemeine Volkswirtschaftslehre trugen wesentlich dazu bei, die keynesianische Makroökonomik und die sich darauf stĂŒtzende VollbeschĂ€ftigungsmaxime wissenschaftlich und politisch in der Bundesrepublik Deutschland zu verbreiten. Kennzeichnend fĂŒr sein wissenschaftliches SelbstverstĂ€ndnis war ein instrumentales Handhaben der Wirtschaftstheorie, um praktische ökonomische Probleme zu lösen, wobei er einen âMethodenmonismusâ jedoch ablehnte.[5] Dies zeigt sich besonders in seinen BeitrĂ€gen ĂŒber Wirtschaftswachstum, Geldtheorie, EntwicklungslĂ€nder und Wirtschaftsordnung.[6]
Schriften (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Die Presse der freien Gewerkschaften (Dissertation 1923)
- Der volkswirtschaftlich gerechtfertigte Preis â Preisbildung und Preisverantwortung in der gewerblichen Wirtschaft (1938)[7]
- Soziale Gerechtigkeit als Wertnorm der Wirtschaftsordnung (1948)
- LiquiditÀt und Risiko in der wirtschaftlichen Entwicklung. Ein Beitrag zur dynamischen Wirtschaftstheorie (1950)
- Neue Wirtschaftslehre. EinfĂŒhrung in die Wirtschaftstheorie von John Maynard Keynes und die Wirtschaftspolitik der VollbeschĂ€ftigung (1950, mehrfach neu aufgelegt)
- UniversitÀt und Wissenschaft in unserer Zeit. Akademische Ansprachen (1957)
- Allgemeine Volkswirtschaftslehre in 4 BĂ€nden (1956â60, mehrfach neu aufgelegt)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- GĂŒnter Ollenburg, Wilhelm Wedig (Hrsg.): Gleichgewicht, Entwicklung und soziale Bedingungen der Wirtschaft. Andreas Paulsen zum Gedenken anlĂ€sslich seines 80. Geburtstages mit einer Auswahl von Schriften aus seinem Nachlass. Duncker und Humblot, Berlin 1979, ISBN 3-428-04439-8 (Ausschnitte bei Google Books)
- Heinz Rieter: Andreas Paulsen and Keynesianism. In: Post-war Keynesianism in Germany and Western Europe, ed. by J. G. Backhaus, G. Chaloupek and H. A. Frambach. Cham, Switzerland: Springer, 2025, S. 35â55, ISBN 978-3-032-00497-0
- Wilhelm Wedig: Andreas Paulsen â Person und wissenschaftliches Werk. In: Akademische Gedenkfeier aus AnlaĂ des 100. Geburtstages von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Erich Kosiol und Prof. Dr. Andreas Paulsen. 18. Februar 1999. FestvortrĂ€ge, hrsg. vom Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft der Freien UniversitĂ€t Berlin, hier S. 29â36 und S. 53â56.
- Rudolf Schilcher: Andreas Paulsen zum 75. Geburtstag. In: Konjunkturpolitik. Zeitschrift fĂŒr angewandte Konjunkturforschung, 29. Jg., 4. Heft, 1974, S. 203â206.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Paulsen. In: Kleine Chronik der FU Berlin
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Heinz Rieter: Andreas Paulsen and Keynesianism. In: J. G. Backhaus, G. Chaloupek und H. A. Frambach (Hrsg.): Post-war Keynesianism in Germany and Western Europe. Springer, Cham, Switzerland 2025, ISBN 978-3-032-00497-0, S. 35â55.
- â Heinz Rieter: Andreas Paulsen and Keynesianism. In: J. G. Backhaus, G. Chaloupek and H. A. Frambach (Hrsg.): Post-war Keynesianism in Germany and Western Europe. Springer, Cham, Switzerland 2025, ISBN 978-3-032-00497-0, S. 35â55.
- â Heinz Rieter: Die AnfĂ€nge der Wirtschaftswissenschaft an der Freien UniversitĂ€t Berlin. Personen, Institutionen, Konflikte. In: Christian Scheer (Hrsg.): Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie XXV. Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-13436-6, S. 53â54, 152â176.
- â Akademischer Stil 1960? Der Professoren-Streit an der Freien UniversitĂ€t Berlin â Letzter Ausweg: das Gericht. In: Die Zeit, Nr. 15/1960.
- â Heinz Rieter: Andreas Paulsen and Keynesianism. In: J. G. Backhaus, G. Chaloupek and H. A. Frambach (Hrsg.): Post-war Keynesianism in Germany and Western Europe. Springer, Cham, Switzerland 2025, ISBN 978-3-032-00497-0, S. 35â55.
- â Wilhelm Wedig: Andreas Paulsen â Person und wissenschaftliches Werk. In: Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaft der Freien UniversitĂ€t Berlin (Hrsg.): Akademische Gedenkfeier aus AnlaĂ des 100. Geburtstages von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Erich Kosiol und Prof. Dr. Andreas Paulsen. Berlin 18. Februar 1999, S. 53â56.
- â www.worldcat.org
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Paulsen, Andreas |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Rektor der Freien UniversitÀt Berlin |
| GEBURTSDATUM | 4. MĂ€rz 1899 |
| GEBURTSORT | Flensburg |
| STERBEDATUM | 14. Dezember 1977 |
| STERBEORT | Berlin |